REINHARD   RAFFALT

- Ansprachen zur Verleihung des Bayerischen Verdienstordens

16. Juni 1971, 10.00 Uhr, im Antiquarium der Münchner Residenz

MINISTERPRÄSIDENT DR. h. c. ALFONS GOPPEL:

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident!
Sehr geehrter Herr Präsident des Senats!
Sehr geehrter Herr Staatsminister!
Meine sehr verehrten Damen, meine Herren!

Wir sind heute hier im Antiquarium der Münchner Residenz versammelt, um das Zeichen ehrender und dankbarer Anerkennung für hervorragende Verdienste um den Freistaat Bayern und das bayerische Volk, den Bayerischen Verdienstorden, an Persönlichkeiten zu verleihen, die öffentlich für ihre Leistungen im Dienste und zum Wohle der Gemeinschaft geehrt werden sollen.

Für den Ministerpräsidenten ist die Verleihung des einzigen bayerischen Ordens stets eine Amtshandlung besonderer Art. Indem er als Repräsentant des demokratischen Staates verdiente Frauen und Männer aus allen Bereichen unseres vielfältigen gesellschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Lebens auszeichnet, anerkennt er ja nicht nur deren individuelle Verdienste, sondern er ehrt in ihnen auch Persönlichkeiten, die in ihrem Leben und Wirken in hohem Maße die geistigen, ethischen und politischen Prinzipien der persönlichen Freiheit, des Rechts und der sozialen Verantwortung verwirklichten, denen sich unser ganzes Volk verpflichtet weiß und die es zur Grundlage seiner verfassungsmäßigen Ordnung gemacht hat. Die Auszeichnung verdienter Bürger ist somit ein wichtiger und legitimer Akt der Selbstrepräsentation des demokratischen Staates, der Stärkung seiner freiheitlichen und rechtsstaatlichen Ordnung und der Entwicklung und Festigung eines lebendigen Staatsbürgerbewußtseins. Sie bezeugt auch stets von Neuem, daß unser Staat etwas anderes ist und bleiben soll als nur ein lebloser bürokratischer Apparat, als reine Versorgungs und Dienstleistungsinstitution für eine total verwaltete Gesellschaft; er soll vielmehr in Gegenwart und Zukunft die wohlgeordnete rechtliche und politische Heimstatt sein, für freie, selbstverantwortliche und mündige Bürger und für ein wahrhaft menschenwürdiges Leben.
Daß dessen höchste Ziele nicht in Gewinnmaximierung und in rein materiellem Wohlstand bestehen können, daran mag uns auch der genius loci des Raumes gemahnen, in dem wir uns zur Stunde befinden.
Über die Jahrtausende hinweg erinnert uns die Antikensammlung des kunstsinnigen Herzogs Albrecht V. an die Prinzipien und Tugenden, welche als die höchsten Werte des römischen Bürgers die Res publica Romana stark gemacht haben: libertas, iustitia, amor patriae.

Der prunkvolle Saal des Antiquariums, in dem in diesem Jahr zum ersten Mal in der vierzehnjährigen Geschichte des Bayerischen Verdienstordens die Ordensübergabe erfolgt, gibt daher den rechten Rahmen für die Ehrung unserer um Volk und Staat besonders verdienter Mitbürger ab.

Das Gesetz läßt allerdings - und wohl auch zu recht - nur 2000 Ordensinhaber zu. Für Ordensbeirat und Ministerpräsident ist und bleibt es ein schwieriges Problem, angesichts der Vielzahl und des Ausmaßes der Verdienste eine angemessene und gerechte Auswahl zu treffen.

Es läßt sich nicht vermeiden, so schmerzlich das im einzelnen ist, daß so manchem Verdienst nicht immer und überall öffentliche Ehrung widerfährt.

Umsomehr müssen wir hier all' den vielen Mitbürgern öffentlich Dank und Anerkennung aussprechen, die unermüdlich und verantwortungsbewußt in ihrem jeweiligen Lebens- und Aufgabenbereich mehr als ihre Pflicht erfüllen und unschätzbare Leistungen für die Gemeinschaft erbringen, ohne daß ihr Wirken sichtbar gewürdigt werden kann.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ehe Sie nun den Bayerischen Verdienstorden in Empfang nehmen, wird -entsprechend der Tradition dieser Feierstunde - ein bereits mit dem Orden Ausgezeichneter den Festvortrag halten. Aus gegebenem Anlaß - ich habe bereits darauf hingewiesen, daß in diesem Jahr die Ordensverleihung zum ersten Mal im Antiquarium der Residenz erfolgt - wird Herr Dr. Reinhard Raffalt in seinem Vortrag über »Das Antiquarium und seine Konsequenzen« das Nachwirken der römischen Kultur verfolgen und unseren Blick auf eine der kräftigsten Wurzeln unserer Kultur lenken. Ich begrüße Sie, sehr geehrter Dr. Raffalt, herzlich und bitte Sie, das Wort zu ergreifen.

REINHARD RAFFALT

hielt darauf folgenden Festvortrag:

»Das Antiquarium und seine Konsequenzen«

Gemäß dem Protokoll hat eine Rede bei solchem Anlaß mit den Worten anzufangen: »Herr Ministerpräsident, meine sehr verehrten Damen, meine Herren.« Ich muß gestehen, daß ich lieber anders beginnen würde.
Dem Herrn Ministerpräsidenten zum Beispiel möchte ich sagen: »0 paterne cultor Bavariae - 0 väterlicher Pfleger Bayerns« - jenen zum Trotz, die das Gras des Jahres 2000 heute schon wachsen hören und uns einreden wollen, alles Väterliche sei biologisch, die Pflege eines Landes Manipulation und Bayern eine Lebenslüge.

Für die Damen würde ich mir von Boccaccio das verpflichtende Wort »adorabile - anbetungswürdig« entleihen, weil allein die wohlbedachte Mischung von Anmut und Capricen in uns Männern das Gefühl erweckt, dem Höhepunkt irdischen Glückes näher zu rücken.
Die Herren schließlich würden bei mir zu »g'standenen bayerischen Männern«, was den Vorteil hat, daß die Beiwörter »g'standen« und »bayerisch« ebenso ein Wunsch bleiben wie eine Wirklichkeit sein können. Womit jener Zustand jenseits des Rationalen angedeutet wäre, in dem das bayerische Wesen von alters her gedeiht: die stets im Schwanken befindliche Balance zwischen Tatbeständen und Phantasie. Heute lehrt uns die Naturwissenschaft die Begrenztheit der kausalen Logik. Sind wir also vielleicht garnicht so schlecht daran, wie wir selber meinen, wenn die Phantasie in diesem Lande die Wirklichkeit verändert, anstatt sich von ihr zu Boden ziehen zu lassen? »Hart im Raume stoßen sich die Sachen« ist eine Formel, die bei uns noch nie gegolten hat.

In einer alten chinesischen Geschichte - zeitgerecht muß man ja von China reden - fährt ein Flußgott hinunter bis zum Ozean und trifft dort auf den Gott des Nordmeeres, Jo.
Dieser quittiert das Staunen des Flußgottes über die Endlosigkeit der Wasserfläche mit groben Sentenzen. Er sagt: »Mit einem Brunnenfrosch kann man nicht über das Meer reden, denn er ist beschränkt auf sein Loch. Mit einem Sommervogel kann man nicht über das Eis reden, er ist begrenzt durch seine Zeit. Mit einem Philosophen« - das ist natürlich sehr fernöstlich - »kann man nicht über das Leben reden, er ist gebunden durch seine Lehre. Du aber bist über deine Grenzen hinausgekommen und hast das Meer erblickt. So wird man mit dir von der großen Ordnung reden können.«
Die große Ordnung - das ist das Stichwort, das auch uns berührt -in dem Augenblick, da viele von Ihnen den einzigen Orden Bayerns erhalten sollen.
Denn hinter dem Worte »Orden« steht der alte Begriff des »ordo« -womit nicht einfach der erstrebte oder erreichte Zustand von Zufriedenheit in Staat und Gesellschaft bezeichnet wird, sondern eine weit größere Idee, die in unserem Lande eine lange Tradition hat.
Vergleichbar der Fabel aus China hat auch Bayern in seinen besten Männern stets aus der Begrenzung der eigenen Lebensbedingungen hinausgestrebt, haben die Menschen dieses Landes Ordnung als universales Prinzip verstanden, daraus ihre Liberalität gezogen und daran ihre Selbsterkenntnis gesteigert. Um dies zu dokumentieren, brauchen wir nur um uns zu blicken. In farbenreicher Beredsamkeit spricht der Raum, in dem wir uns befinden, noch heute, nach vier Jahrhunderten, zu uns von einer großen Ordnung, unter der man einstmals in Bayern Geist, Welt und Menschen zu einem Universum versammelte, worin das eigene Wesen deutlicher erkennbar wurde und zu höherer Humanität reifte. Schauen wir uns also um.

Vom Scheitel des Gewölbes blickt eine große Schar allegorisch gefaßter Tugenden auf uns nieder - eine Mahnung in Bildern, die unserem Bedürfnis nach sinnenhafter Wahrnehmung entspricht. Vielleicht haben die sechzehn Himmelsdamen als weibliche Wesen durch die lange Zeit etwas von ihrer Attraktivität eingebüßt - aber sie bleiben Spielarten der Wahrheit, und diese kann, gleich allem Weiblichen, die Formen wechseln, ohne je an Substanz zu verlieren.
Über dem Rückeingang, wo einstmals die Musiker standen, finden wir Glaube, Hoffnung und Liebe - wodurch unter der Begleitung des Reinsten, was es gibt, der Musik, der Mensch als homo religiosus ausgewiesen wird. Glaubend unterwirft er sich einem schöpferischen Geist, dessen Intelligenz die seine unmeßbar übersteigt. Hoffend harrt er auf die endgültige Gestalt der Welt, die uns den Sinn der Geschichte enträtseln wird. In der Liebe aber erkennt der Mensch die höchste bewegende Kraft, die sein eigenes Leben ebenso bestimmt wie den Gang des Universums.

Indessen muß er leider noch mit vielen anderen Tugenden fertig werden, die ihm eigentlich eher eine Last sind, obwohl sie von ihm erwarten, daß er den Umgang mit ihnen als Vergnügen empfindet.
So eilen aus dem Altertume, also aus der Epoche, in der der Mensch zum ersten Mal nach sich selber fragte, vier majestätische Jungfrauen herbei.
Die erste demonstriert uns als Klugheit die schwere Kunst, den Mitmenschen nicht auf die Nerven zu gehen und dennoch nach eigener Einsicht zu leben.
Die zweite bringt uns die griechische Weisheit zu, nichts Übertriebenes zu verlangen und in der Mäßigung einen Genuß zu finden, den ihr in Bayern kein Mensch zutraut.
Gerechtigkeit zu üben, fordert die dritte und bürdet damit das Vermächtnis Roms auf unsere bleichsüchtige humanistische Bildung.
Schließlich wirft die vierte die Erkenntnis auf uns herab, daß die Tapferkeit ihren Gipfel nicht in irgendeiner Art von Rauferei erreicht, sondern in dem stets erneuerten Entschluß, sich von Menschenfurcht freizuhalten.
Doch damit längst noch nicht genug. Eine Prozession etwas nachgeordneter Huldinnen der Tugend schließt sich an, neun an der Zahl, von denen drei im Briefe des heiligen Paulus an die Galater unter den Früchten des Geistes figurieren, während die anderen sechs nach meiner Mutmaßung Adoptivtöchter des Heiligen Ignatius von Loyola sein könnten.
Sie alle mahnen uns: den guten Ruf in Acht zu nehmen, beständig und wahrhaftig zu sein, Bescheidenheit, Milde und Geduld zu üben, zur Förderung unserer Gesundheit auch die Enthaltsamkeit heranzuziehen und schließlich den Respekt vor den allgemeinen Prinzipien zu der widerwärtigen Gepflogenheit hochzuzüchten, Gesetze nicht zu umgehen, sondern zu befolgen.
Die Schriftbänder an den Gewölbe-Ansätzen geben darüber Auskunft, bei welcher Tugend man sich gerade befindet, wobei es uns überlassen bleibt, die zuweilen auftretende Doppeldeutigkeit des Latein entweder der naiven oder der hintersinnigen Seite des bayerischen Wesens zuzuschreiben.
Eine Valentiniade unter diesen Inschriften verbirgt sich in dem Satz über die Keuschheit: »nulla reparabilis arte lapsa castitas«. Für den ernsthaften Leser heißt das: »Die verlorene Keuschheit ist durch keine Kunst wieder herzustellen.«
Aber ohne grammatikalische Kniffe könnte ein bayerisch-zwiesinniger Stilist auch übersetzen: »Keine Keuschheit ist zu reparieren, wenn die Kunst fehlt.« Im Ganzen genommen beweist die pompöse Art dieses Tugendaufzugs das Bedürfnis unserer Vorväter, schnellstens und mit aufwendiger Himmelshilfe in den Besitz jener wenigen Vollkommenheiten zu gelangen, die aus dem bayerischen Wesen nicht von selbst hervorgehen.
Das Beruhigende daran ist, daß auch wir aufgeklärten Spätkömmlinge in unserer ganzen Skepsis nicht einen Schritt weiter gekommen sind. Wenn wir »understatement« sagen, ist es kein Beweis für unsere Bescheidenheit. Während gelegentlicher Hungerkuren warten wir vergeblich auf die Tugendkrone der Enthaltsamkeit. Und das Maß vollends macht uns noch immer dieselben Schwierigkeiten, die schon der Erbauer dieses Raumes kannte: Herzog Albrecht V., der das goldene Jahrhundert Bayerns durch die Manie eingeleitet hat, von den Herrlichkeiten des Lebens, von Festen, Prunk, Musik, Kunst, Büchern, Kuriositäten und Technik niemals genug zu bekommen.

Wenn der Mensch den Entschluß faßt, aus sich selbst ein edleres Geschöpf zu machen, als in der Absicht der Natur gelegen sein mag, dann reichen Willenskraft und das Wechselspiel von Lohn und Strafe nicht aus.
Er muß seine Phantasie einsetzen, muß seine eigene, zweite Wirklichkeit schaffen, auf die Gefahr hin, von den Realisten verlacht und von den Materialisten verhöhnt zu werden. Diese geheimnisvolle, zweite und phantastische Wirklichkeit darzustellen, dienen die Ranken der Grotesken, mit denen die Gewölbe bedeckt sind. Solche Malerei weist zurück auf die Engelsburg zu Rom und die dortigen Grotesken von Giulio Romano - aber auch dieser war nur ihr Vermittler, nicht ihr Erfinder. Zusammen mit seinem Lehrer Raffael war er am Anfang des sechzehnten Jahrhunderts in die neu entdeckten Hallen des Goldenen Hauses eingedrungen, das einst der Kaiser Nero sich auf dem Esquilin erbaut hatte. Im Fackelschein kopierten sie dort die Wandmalereien und bemerkten dabei zu ihrem Entzücken, daß die Antike Menschen, Pflanzen und Getier in ihre Elemente zerlegt und auf eine etwas absurde Weise zu neuen Kompositionen zusammengefügt hatte, die es in der Natur nicht gab.
Wohlgemerkt: in dieser Manier verlor nichts seine Gestalt, ein Blatt blieb ein Blatt, ein menschliches Antlitz behielt seine individuellen Züge, und das heitere Spiel bestand einfach darin, die Dolde einer Blüte zum Sitz für die weichen Rundungen einer Nymphe zu machen.
So war zwischen den Gegenständen der Erfahrung und den Gesetzen des Kosmos ein Zwischenreich entstanden, das dem Menschen erlaubte, mit dem Arsenal der Schöpfung auf spielerische Weise umzugehen. Der großen Ordnung war eine kleinere, menschliche eingefügt, deren Grundgefühl die Freude war. Was hätte dem inneren Sinn unseres Landes mehr entsprechen können, als die Freiheit, mit dem Wirklichen zu verfahren als sei es ein Traum? Die ganze spätere Explosion des bayerischen Barock hat hier ihre verborgene Wurzel.

Der Mann, auf dessen Geheiß diese Groteskenmalerei in Rom zum ersten Mal entstanden war, ist der Welt bekannt als der große Bösewicht Nero. In der Antike galten - trotz späterer Greuel - wenigstens die ersten fünf Jahre seiner Regierungszeit, das sogenannte Quinquennium Neronis, als das Goldene Zeitalter der Menschheit schlechthin.
Der Erbauer des Antiquariums, Herzog Albrecht V., hatte einen italienischen Kunstagenten namens Jacopo della Strada, den Tizian porträtierte - mit einer antiken Statuette in der Hand. Von della Strada empfing der Herzog Albrecht die Antiken, die hier an den Wänden stehen - und dazu Kopien, die in der Renaissance von antiken Porträts gemacht worden waren. Eine hervorragende unter den letzteren ist die Marmornachbildung eines Bronzekopfes, der sich im Vatican befindet und nachweislich ein Fehlguß war - ein jugendlicher Mann mit sensiblen, halb verwaschenen Gesichtszügen: Nero in der goldenen Zeit. Die Renaissance-Nachbildung ist vermutlich als Auftrag gemacht, es sollte also mit voller Absicht Nero sein - und er mußte nach München, weil auch der Herzog Albrecht den Glanz liebte, um dessentwillen Nero sich ruinierte hatte - jenen Glanz, den Schönheit und Pracht immer dann annehmen, wenn sie zweckfrei sind.
Auch Vespasian mit seinem bäuerlich-schlauen Gesicht ist von der Renaissance nachkopiert - vielleicht steht er hier, weil er im Sterben, auf die übliche Divination der Kaiser anspielend, sagte: »Ach du meine Güte, ich glaube, jetzt werde ich ein Gott.« Solche Kraft zur Ironie bis zum letzten Moment ist auch eine alte bayerische Eigenschaft.
Des Vespasian Sohn Titus finden wir ebenfalls im Renaissance-Porträt, einen feisten und wohllebigen Mann, der sich in sehr kurzer Regierungszeit den Titel »die Liebe und das Wohlgefallen des Menschengeschlechtes« erworben hatte, weil seine Milde groß genug war, einen Attentäter auf der Stelle zu begnadigen und gleichzeitig dessen Mutter davon zu verständigen, daß ihrem Sohne nichts geschehen sei.
Übrigens hat Titus im jüdischen Krieg, während er Jerusalem zerstörte, wie Jesus voraussagt, eine tiefe und unglückliche Liebe zu der jüdischen Prinzessin Berenike gefaßt, deren prachtvolles Haar so berühmt war, daß es heute noch unseren Sternenhimmel ziert.
Schließlich lieferte die Renaissance noch eine Nachbildung der Gesichtszüge des Kaisers Antoninus Pius, dessen ganzes Bestreben es gewesen war, in Anonymität und Frömmigkeit seine Pflicht zu erfüllen, ein stilles Vorbild für die Verwalter des bayerischen Landes, die ohne Aufhebens durch die Jahrhunderte das Gleiche taten.
Neben solchen Nachbildungen brachte della Strada aus Italien auch noch Originale mit - so den Kopf des Kaisers Trajan, der wie kein anderer die Technik förderte, weil sie ihm ermöglicht hatte, in viereinhalb Stunden eine Pontonbrücke über die untere Donau zu schlagen, was eine Viertelstunde mehr bedeutet, als der General Patton brauchte, um am Ende des letzten Krieges über den Rhein zu kommen.
Ein Original ist schließlich das prachtvolle Haupt des Gajus Julius Cäsar, das möglicherweise hier steht, weil es unter Cäsars vielen glänzenden Eigenschaften die einmalige gab, sich trotz persönlicher Höchstverschuldung Unsummen von Geld zu verschaffen - für Dinge, deren immenser Ertrag erst lang nach seinem Tod den überraschten Erben offenbar wurde. Was einen Sachverhalt bedeutet, der in der Geschichte unseres Landes manches Beispiel hat.
Endlich ist da noch die große Versammlung von originalen Büsten aus der römischen Republik - verkniffene, bärbeissige, griesgrämige Gesichter, von der Idee der individuellen Freiheit ebenso besessen, wie die heute aussterbenden Grantler, die die schon verschollenen Kastaniengärten Münchens mit dem Glanz ihrer totalen inneren Unabhängigkeit geziert haben. Nicht eines der antiken Antlitze, die uns, mit falschen Unterschriften versehen, von den Gesimsen anblicken, ist hierher gekommen als maskenhaftes Symbol für eine entschwundene Vergangenheit. Alle waren sie unsere Nachbarn aus der Geschichte, die weniger durch ihre Taten als durch ihre Menschlichkeit Leben ausstrahlten, das dem unseren glich; und in Bayern hatte man noch einen zusätzlichen Grund, sie zu hegen. Denn unser Land hat einmal dem Imperium Romanum angehört und von ihm ein mediterranes Lebensgefühl geerbt, das auch heute noch unsere natürliche Blickrichtung nach Süden bestimmt und zur Folge hat, daß wir, um nach Norden zu schauen, immer erst den Kopf drehen müssen.

Die Idee zum Antiquarium war bei della Strada noch eine italienische Halle gewesen, in der man antike Stücke unterbringen konnte, dem Vorbilde Mantuas nachgestaltet, mit gewölbetragenden Säulen in der Mitte.
Der bayerische Baumeister Wilhelm Egkl hat aber die Bau-Idee einschneidend verändert; er hatte den Mut, diese Riesentonne zu wölben, die nur durch die Bomben des letzten Krieges zerstört werden konnte und damit bewiesen hat, daß sie zwar der Gewalt weicht, aber unberührt bleibt von der Ahnungslosigkeit mancher Köpfe, die bisweilen unter ihr wandeln, ohne wahrzunehmen, welche Spannung im statischen wie im geistigen Sinne über ihnen schwebt.
Erst unter Wilhelm V., dem Nachfolger des Herzogs Albrecht, gewann das Antiquarium seine heutige Gestalt. Friedrich Sustris und Peter Candid legten den Fußboden tiefer, entwarfen die Malereien an Gewölben und Wänden, setzten so das Werk der Verwandlung fort, das Egkl mit seiner Riesentonne begonnen hatte und brachten einen Raum hervor, der bei unverändertem antiken Bestand nicht mehr ein Museum war, sondern ein Festsaal.
Bayern hatte die Antike in sein Lebensgefühl eingebettet und zeigte sich entschlossen, das Erbe der Alten nicht nur zu bewahren, sondern zu feiern. Maximilian, der erste bayerische Kurfürst und des Landes großer Staatsmann, vollendete im Jahre 1600 mit dem wappengekrönten Kamin das Werk und griff im Rückportal die Idee seines Großvaters Albrecht wieder auf in der Inschrift: »Sacrae vetustati dicatum - dem heiligen Altertum gewidmet.
«Was war geschehen? Ein unerhörter Prozeß: drei Generationen hatten verwandelnd gewirkt, ohne das Grundkonzept anzutasten, das seinerseits schon eine große Verwandlung war. Drei Generationen hatten über die Verschiedenheit der Zeiten hinweg die Einheit einer geistigen Haltung erkannt, die sich der großen Ordnung verpflichtet fühlte. Dem Herzog Albrecht war es Ernst gewesen mit dem Universum aus Geist, Welt und Mensch. Er hatte nicht nur Antiken gesammelt, er hatte seltene Steine mit magischen Kräften, zu kostbaren Gefäßen geformt, in der Schatzkammer aufgehäuft, er hatte die Bibliothek des Nürnberger Geographen Hartmann Schedl gekauft, sie durch den Bücherbesitz der Humanisten Widmannstetter und Johann Jakob Fugger ergänzt, seinen Hofmaler Hans Muelich mit Aufträgen für illuminierte Codices überschüttet und das Ganze als herzogliche Bibliothek im Oberstock des Antiquariums untergebracht. Unter seinem Nachfolger Wilhelm entstanden die Malereien von Tugenden und Grotesken - und gleichzeitig noch etwas, ohne das die Verehrung der Antike nur Geklimper zu billigem Ruhm wäre: 102 der Wirklichkeit getreu nachgemalte Ansichten von den Städten, Märkten und Burgen Bayerns.
Dahinter steckt die tiefe Weisheit, daß der Mensch ein starkes und fortdauerndes Gefühl für Heimat braucht, wenn er die Herrlichkeiten, die aus Geschichte und Welt zu ihm kommen, nicht nur sammeln, sondern verwandeln will. Starres Bewahren ist leblos - erst in der Verwandlung zeigt sich die Kraft der Tradition. Hierin liegt der Sinn des Antiquariums - und hierin liegen auch seine Konsequenzen.

Das Antiquarium gibt uns ein deutliches Beispiel dafür, daß das Wissen sich erst dort in Bildung verwandelt, wo der Mensch die Resultate seiner Selbsterkenntnis an der Größe Seines Erbes zu messen beginnt.
Doch verhallt diese Sprache ungehört, weil heute die Bildung, die eine menschliche Angelegenheit ist, durch Kenntnisse ersetzt werden soll, die sich auf sachliche Brauchbarkeit beschränken. Wir sehen eine ratlose Jugend, der nicht mehr begreiflich gemacht werden kann, daß die Menschen der Vergangenheit nicht nur Ignoranten oder Verblendete waren, auch wenn ihre Vorstellung von Glück sich mit der heutigen nicht deckt.
Wir sehen eine katholische Kirche, in der ein phantastischer Zerstörungswille mit eminenter Trägheit zusammenwirkt, um die Kultur, die dieselbe Kirche durch Jahrhunderte gehegt hat, zum Erlöschen zu bringen.
Und wir sehen neben all diesem unser Land, das soviele Verwandlungen vollbracht und erlitten hat und immer noch Bayern geblieben ist, balancierend zwischen Phantasie und Wirklichkeit - ein Land, das der Vernunft erlaubt, es zu definieren, aber nicht, es zu begreifen.
Darin liegt eine Chance, die neu ist: die Wirkung des Landes Bayern über seine Grenzen hinaus. Daß Bayern eine irrationale Größe ist, daran nehmen viele Menschen Anstoß. Warum sollte nicht ein Bayern denkbar sein, das den technokratisch-gelenkten Assimilierungsprozeß der Welt-Gesellschaft entschlossen vorwegnimmt - ein Modellstaat für die Lebensform des Erdballs in 100 Jahren? Das Gegenteil davon wäre das Dasein des Brunnenfrosches, mit dem man nicht über das Meer reden kann, weil er beschränkt ist auf sein Loch. Beides schmeckt uns wenig. Zwischen den Extremen Kompromisse zu schließen, ist bei uns ein langgewohntes Spiel, dessen Regeln aber allmählich vor einer Wirklichkeit verblassen, die erbarmungslose Forderungen stellt und keine Phantasie duldet. Wenn also auch der Kompromiß nicht weiterhilft zwischen dem Bayerischen Zukunftsstaat und dem Land der Tradition - was soll dann geschehen? Ich beschränke mich auf die Antwort, die das Antiquarium gibt.

Meine Damen und Herren, irgendwo in unseren Herzen träumen wir von einem Bayern, das es nachweislich nie gegeben hat, auch niemals geben wird, das aber durch diesen Traum eine Art von Wirklichkeit gewinnt. Rechts von Ihnen hat der Herzog Albrecht den Sokrates hinstellen lassen, den geistvollsten Denker, und links von Ihnen finden sie Epikur, den genußfähigsten Menschen. Zwischen diesen Beiden liegt es, das Land Bayern, dem wir eigentlich dienen, zwischen Geist und Genuß, zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Wenn dieses Land der Welt erkennbar würde, wären wir, ohne die Heimat preiszugeben, aus unseren Grenzen herausgetreten und der Meeresgott Jo könnte mit uns - und vielleicht nur noch mit uns - von der großen Ordnung reden. Und damit es eine wirkliche Ordnung ist, gilt mein letztes Wort nicht Ihnen, meine neuen Ordensträger, sondern den Frauen dieses Landes, die sich dem Kranz der Tugenden im Antiquarium nahtlos einfügen und uns lächelnd den Stern des Verdienstes überlassen, dessen Licht wir von ihnen empfangen.

MINISTERPRÄSIDENT DR. h. c. ALFONS GOPPEL

dankte für den Voortrag und schloß mit folgenden Worten:

Meine sehr verehrten Damen und Herren, es bleibt mir die angenehme Pflicht, Herrn Dr. Raffalt für seinen Vortrag zu danken, in dem er als profunder Sachkenner dem lebendigen Strom der römischen Kulturüberlieferung in unserem Lande nachgegangen ist. Durch Jahrhunderte hat dieser Strom das geistige Leben Bayerns gespeist. Umso schmerzlicher ist daher für uns die Tatsache, daß ihn - aus vielerlei Gründen - unsere Zeit weithin zum Versiegen gebracht hat, so daß für die Mehrzahl der Zeitgenossen Form und Inhalt der römischen, der mediterran-abendländischen Kultur und mit ihr eine der wichtigsten Grundlagen unserer geschichtsgebundenen Existenz zu bloßen musealen Ausstattungsstücken geworden sind, leblos und verfremdet wie die Statuen hier im Antiquarium.

Dennoch: Begriffe wie Freiheit und Recht, Bürgerpflicht und Sozialität sind - wenn auch gegenüber der Antike gewandelten Inhalts - sprachlich und geistig in den Texten unserer Verfassungen aufgehoben, wir sind also aufgerufen, dieses Erbe tagtäglich neu zu erringen und zu bewahren als tragende Grundpfeiler unseres gesellschaftlichen und politischen Lebens, zum Wohle unseres Volkes und seines Staates.

Im Sinne dieser guten und stets lebendig erhaltenen Tradition überreiche ich Ihnen jetzt den Bayerischen Verdienstorden. Ich beglückwünsche Sie zu der Ihnen zuteil gewordenen hohen Anerkennung. Sie haben diese Ehrung durch Ihre vorbildliche menschliche und staatsbürgerliche Leistung verdient. Es ist mein aufrichtiger Wunsch, daß Sie Ihr heute mit dem Bayerischen Verdienstorden gewürdigtes Lebenswerk in bester Gesundheit und mit Gottes Segen noch recht lange fortsetzen können.