REINHARD   RAFFALT

- Tagebuchnotizen -


[Mutter] [Vater] [Orgellehrer Professor Ramin 1942] [Militär] [Passauer Neue Presse] [Bayerischer Rundfunk 1949] [Biblioteca Germanica] [Rom 1951] [Reisen 1954] [Indien 1954] [Afrika] [Prestel-Verlag] [Curtius] [Musik] [Passauer Domorgel] [Antike] [Fernsehsendungen] [Orlando di Lasso] [Der Nachfolger] [Kirche] [Europa] [Sonnenfinsternis 1961]


"Als meine Mutter - in zweiter Ehe - meinen Vater heiratete, verließ sie Österreich nur unter größtem Widerwillen. Es war ihr bedeutsamster Liebesbeweis, daß sie meinem Vater in die Kleinstadt folgte, nach Passau. In den ersten eineinhalb Jahren ihres dortigen Aufenthaltes verging kein Tag, an dem sie sich nicht aus der Wohnung stahl, um auf den Fußgängersteg zu gehen, der die Gleise des dortigen Grenzbahnhofes überbrückt. An das Geländer gelehnt wartete sie, bis der Schnellzug nach Wien zu ihren Füßen abfuhr, um dann mit verweinten Augen nach Hause zurückzukehren.
Eines Tages erklärte sie meinem Vater, sie hielte es in dieser Stadt, welche damals von Frömmigkeitsformen angefüllt war, denen sie den Beigeschmack von Bigotterie zumaß, nicht mehr länger aus.
Diese sachlich geführte Diskussion war der Ursprung meiner eigenen Existenz. Man wird verstehen, daß aus einer solchen Initial-Situation eine beiderseits unbewußte Bindung zwischen Mutter und Sohn entstand, der durch zweiundfünfzig Jahre die Gnade geschenkt war, immer tiefer, lebendiger und schließlich unaussprechlich zu werden.

Im ganzen genommen war diese Frau ein Geschöpf, wie nur das alte Österreich es hervorbringen konnte.
In Mähren geboren, durch eine lange Ahnenkette mit der kaiserlichen und königlichen Monarchie verbunden, ausgestattet mit der unvergleichlichen Mischung von Eigenschaften, wie sie der Vielvölkerstaat zustandebrachte: Charme und Melancholie, Lebensklugheit und Humor, die grenzenlose Fähigkeit, Schläge des Lebens hinzunehmen und sich dennoch ein leichtes Herz zu bewahren.
Dazu Selbstironie und Schönheitssinn. Dieser war so ausgeprägt, daß sie zum Beispiel, als ich im Alter von zwölf Jahren eine Brille zu tragen begann, in ihrer realistischen Art sagte: "Dieses Instrument wird dich für den Rest deines Lebens entstellen - aber bitte merk' dir, ich hab' dich als ein schönes Kind geboren."
Aus: Zwei Reden auf eine Mutter



Dem innigen Verhältnis zur Mutter stand das mit Respekt und Bewunderung vermischte Verhältnis zum Vater gegenüber.

"Mein Vater hat als Buchdruckergeselle in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts auf der Wanderschaft die Alpen von Genf bis Laibach zu Fuß durchquert, gelangte schließlich als Schriftsetzer an die damalige Wiener "Neue Freie Presse", war schon wenige Jahre später zum technischen Direktor des österreichischen Schulbuch-Verlages Rohrer in Brünn aufgerückt und lernte als solcher meine Mutter kennen." Aus: Zwei Reden auf eine Mutter


In seinen Wiener Jahren empfing der junge Michael Raftalt (Reinhard Raffalts Vater) Anregungen, die ihn zu einem der gebildetsten Menschen werden ließen, die Reinhard Raffalt in seinem Leben gekannt hatte.

"Als ich im ersten Jahr des Gymnasiums Zeichen von Intelligenz von mir gab, die meinen Vater zu überzeugen begannen, kommandierte er mich eines Tages in die Setzerei. Der Lateinprofessor hatte uns in langen Schulstunden einen selbstverfaßten Traktat über die äußerst wichtigen Präpositionen, die im Lateinischen den Akkusativ regieren, diktiert. Mein Vater drückte mir einen Winkelhaken in die Hand und ließ mich - in je nach Sprache verschiedenen Schrifftypen - einen Handsatz herstellen über die Präpositionen des Akkusativs.
Dabei traten mehrere Wirkungen gleichzeitig ein. Erstens lernte ich den Latein-Stoff besser, als wenn ich ihn gebüffelt hätte.
Zweitens verabreichte mir der mich beaufsichtigende Setzer auf Geheiß meines Vaters bei jeder Zeile, die mir beim Herausnehmen zusammenfiel, die obligatorische Ohrfeige, was meinen Sinn für die Realität der Materie außerordentlich förderte.
Drittens durfte ich das Werk auch noch selber drucken, wodurch trotz weiterer Ohrteigen mein Selbstbewußtsein in ein Gleichgewicht geriet, das pupertäre Schwierigkeiten überwinden half.
Und schließlich diskutierte mein Vater mit mir wie mit einem Fachkollegen die Gestaltung der Titelseite, wobei er sich als Beispiel der Reproduktion einer Abhandlung über die römische Antiqua bediente, die aus dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts stammt und im Original der Vatikanischen Bibliothek angehört, wo ich sie bisweilen mit einer Rührung betrachte, die nichts mit Sentimentalität und alles mit Dankbarkeit zu tun hat."
Aus: Der Meister und sein Werk



Bezeichnend für die Art, in der Michael Raffalt um die Ausbildung des Sohnes besorgt war, ist die Tatsache, daß er ihn drei Wochen vor dem Abitur nach Leipzig zu dem berühmten Thomaskantor Günther Ramin schickte, um ihn im Orgelspiel prüfen zu lassen. Michael Raffalt wußte, die doppelte Belastung von Abiturvorbereitung und Orgelprüfung würde seinen Sohn zu höchsten Leistungen anstacheln. Die Antwort Professor Ramins gab ihm recht:

"Sehr geehrter Herr Raffalt, auf Grund des Vorspiels Ihres Sohnes kann ich Ihnen mitteilen, daß ich ihn für außerordentlich begabt halte und daß sein Wunsch, sich ganz der Musik zu widmen, durchaus berechtigt erscheint. Da er neben der technischen Veranlagung auch improvisatorische Begabung zeigt, habe ich den Eindruck, daß er für den Beruf eines Kirchenmusikers durchaus überdurchschnittliche Voraussetzungen mitbringt. Nach dem gestrigen Eindruck kann ich zu einem Orgelstudium nur zuraten.

Mit besten Grüßen
Ihr
Leipzig, 28.2.42 Günther Ramin"




Seine intensive musikalische Ausbildung ermöglichte es Reinhard Raffalt, das Studium der Musik in Leipzig im fünften Semester zu beginnen. Sechs Wochen vor dem Staatsexamen wurde er einberufen und in Stalingrad, an der Karpatenfront, in Ungarn und in den Ardennen als Infantrist eingesetzt. Nach Kriegsende studierte er zunächst in Passau Philosophie und Geschichte, ab 1947 an der Universität Tübingen Philosophie, Musikwissenschaft und Kunstgeschichte. 1949 wurde er an der dortigen philosophischen Fakultät zum Doktor promoviert.



"Als mich Dr. Kapfinger in die Redaktion der "Passauer Neuen Presse" aufnahm, übertrug er mir den Kultur- und Unterhaltungsteil. Ich hatte gerade fertig studiert, hatte eine Doktorarbeit geschrieben, von der ich heute bestenfalls noch die Hälfte verstehe, und war überhaupt ein Mensch, der im Begriffe stand, die Welträtsel ein für allemal zu lösen.
Folgerichtig nahm ich in meine erste selbständig gestaltete Zeitungsseite eine philosophische Betrachtung auf, die von Fremdwörtern überfloß und somit meiner damaligen intellektuellen Höhenlage voll entsprach.
Dr. Kapfinger ließ sich mein Werk kommen und gleich darauf auch mich.
"Gel', Raffalt", sagte er, "das schmeißen S' wieder weg. Ich mach' meine Zeitung für einfache Menschen. Und Ihnen sag' ich, wenn Sie nicht lernen, besonders in komplizierten Fällen, zu denken, wie ein einfacher Mensch, dann werden Sie nie ein gebildeter Mann."
Von allen moralischen Ohrteigen meines Lebens habe ich mir diese am besten gemerkt."
Aus: 25jähriges Jubiläum Passauer Neue Presse


Schon während des Studiums war Reinhard Raffalt als freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk tätig gewesen - als Autor, Sprecher und Musiker. In den Jahren 1949 und 1950 führten ihn ausgedehnte Reisen in Rundfunk- und Zeitungsauftrag nach Italien, Spanien und Frankreich, im Frühjahr 1951 übersiedelte er endgültig nach Rom.

"Die Sehnsucht hat mich nach Rom getrieben. Was ich dort suchte, weiß ich eigentlich nicht, auch nicht, was für eine Sehnsucht es war. Ich bin weder besonders fromm noch sentimental, und ich hatte keinen brauchbaren Grund. Es überfiel mich einfach die Vorstellung, es wäre gut, in Rom zu sein. Und so bin ich gefahren - und nachdem ich nun zwei Tage durch die Stadt gewandert bin, sträube ich mich dagegen, diese Reise für eine Laune zu halten."


"Meine Tätigkeit in Rom bestand zunächst in der Vatikankorrespondenz für "Die Neue Zeitung". Wenig später wurde ich als Organist an die deutsche Nationalkirche S. Maria dell' Anima berufen. Seit 1952 war ich für den Bayerischen Rundfunk als römischer Korrespondent tätig, jedoch ohne den Zwang, über Tagesereignisse berichten zu müssen. In den Jahren 1953 bis 1954 gab ich theoretischen und praktischen Unterricht in Kirchenmusik am Collegium Germanicum."



"Rom ist eine Komposition aus Gegensätzen - von überall her hat es die Geister angezogen, es übt einen magischen Sog aus auf die Menschen in aller Welt. Niemand, der nach Rom kommt, bleibt der, der er war. Er kommt nach Rom, findet sich eingehüllt von der sanften Gewalt dieser Stadt, fühlt sich nicht mehr als Fremder, wird reifer an der Geschichte, einsichtiger an der Kunst, bescheidener an der Begegnung mit dem römischen Stadtvolk, frommer an den Gräbern der Heiligen und heiterer an den Freuden, die der lichtüberströmte Himmel, die Fontänen und der Wein auch dem rauhesten Geist noch verführerisch anbieten. Es ist in keiner Stadt schwerer, wirklich unglücklich zu sein, und es ist in keiner Stadt leichter, sich zu freuen."

Aus: Städte die die Welt bedeuten - Rom



1954 wurde Reinhard Raffalt auf Veranlassung von Ludwig Curtius vom Auswärtigen Amt mit der Gründung der Biblioteca Germanica beauftragt, dem ersten deutschen Kulturinstitut, das nach dem Kriege im Ausland ins Leben gerufen worden ist Aus dem Erbe der deutsch-römischen Romantikerbibilothek soilte ein Zentrum entstehen, das das allgemeine deutsche Geistesleben gegenüber Itailen repräsentiert.
Gleichzeitig sollte in Form von Konzerten, Vorträgen und Ausstellungen die itailenische Öffentlichkeit auf möglichst positive Weise mit deutscher Kultur bekannt gemacht werden. Eine Aufgabe, die Raffalts Talenten und seiner Phantasie sehr entgegenkam.




Reinhard Raffalts römischer Aufenthalt wurde unterbrochen durch ausgedehnte Reisen nach Asien und Afrika, die er zum Teil im Auftrag des Bayerischen Rundfunks, zum Teil für das Auswärtige Amt unternommen hatte.

Unter dem 14. Juni 1954, dem Tage meiner Ankunft in Indien, findet sich im Tagebuch Raffalts folgende Eintragung:
"Früh um sieben Uhr Einfahrt in den Hafen von Bombay. Himmel und Meer- grau wie geschmolzenes Blei. Regungs-lose drückende Hitze. Am Horizont rote, insektenhaft tanzende Segel, lautloser Wellengang. Nachmittags, nach der Zollkontrolle, Fahrt durch die Straßen, die von langen Men-schenzügen gesäumt sind. Abends, aus reiner Mutlosigkeit, etwas Unmögliches: ich ging in einen amerikanischen Film. Ich glaube, ich habe Angst vor Indien."

Seit Monaten hatte ich mich auf diese Reise gefreut. Nun, nach dem ersten Tag auf indischem Boden, fühlte ich mich niedergedrückt, zerschlagen, ausgeliefert - und es sollten noch ganze vier Wochen vergehen, bevor dieser unerklärlich lähmende Bann von mir abfiel. Alles war fremd, auch das von Europa her Bekannte.

Auf meinen Fahrten durch Indien habe ich das Land kreuz und quer durchmessen, von der tibetanischen Grenze bis zum Cap Comorin, im Wagen, im Eingeborenen-Boot, auf dem Elefanten, mit dem Motorrad und zu Fuß. Überschwemmungen, durch die Stürme des Monsun aufgehaltene Züge, Reifenpannen und mörderische Hitze waren kleine unbedeutende Hindernisse, gemessen an den Verführungen, die das Land selber mir unausgesetzt anbot: ein Volksfest, eine verfallene Tempelstadt hielten mich auf, ein Maharaja lud mich in seinen Palast, ein indisches Kloster gewährte mir Gastfreundschaft, ein Asket nahm sich die Mühe stundenlanger Belehrung.
Die Möglichkeit, Elefantenherden in freier Wildbahn zu sehen, ließ mich das Flugzeug versäumen, indische Musiker veranstalteten für mich ein Konzert, das anstatt drei Stunden die ganze Nacht gedauert hat - immer wieder kamen neue und unbekannte Dinge auf mich zu, die mich von meiner vorgefaßten Bahn abbrachten - und zum Schluß geriet mein ganzer sorgsam erwogener Reiseweg durcheinander, und ich überließ mich - auf meinen eigenen Willen endlich verzichtend - allein der Gewalt des Landes in seiner verwirrenden und betäubenden Lebenskraft.
Von da an begann etwas sehr Merkwürdiges: es schien, als ob Indien selber anfinge, für mich zu denken. Das merkte ich aber erst später, in Europa, beim Zurückschauen auf alles, war mir begegnet war. Da plötzlich schien es mir, als leuchte aus der ganzen Fahrt, so unvollkommen und ziellos sie auch begonnen worden war, dennoch ein innerer Plan hervor - ein Plan, den nicht ich, sondern Indien erfunden hatte.
Die drei Wege durch Indien sind die Hauptlinien dieses inneren Planes- keine geographischen Straßen, sondern diebeziehungsreichen geistigen Fährten, die mich in das Spiel der indischen Wirklichkeit hineingeführt haben, Straßen, an deren Rändern unablässig das Große Welttheater im Gange ist, das Indien mit sich selber spielt: in der vielgliedrigen Gestalt seiner Götter, in der seufzenden Wanderung seiner Wiedergeborenen und in der schweigenden Sehnsucht nach der endgültigen Erlösung von der Erde."
Aus: Drei Wege durch Indien



Eine fünfmonatige Reise im Auftrag des Bayerischen Rundfunks führte ihn 1952 von Ägypten über Jordanien, Syrien> Libanon, Abessinien, Kenya, südliches Tanganyika bis zum Nyassa-See.

"Das einzig Beruhigende an dem alten englischen Lastwagen, der als Postauto nach Songea, in die innerste Ecke von Tanganyika fährt, war ein Schild mit der Aufschrift: "Royal Mail".
Nach 300 Meilen und zweieinhalb Tagen Reise durch den Busch überholte uns ein blitzblanker Personenwagen. Darin saß ein etwas beleibter Herr neben dem Fahrer, und als er mich bleich und unrasiert in unserem klapprigen Lastwagen sitzen sah, hielt er an und lud mich ein, mit ihm zu kommen. Es war ein apostolischer Visitator auf Missionsreise, und sein Ziel war eine Missionsstation, zwei Stunden abseits der Straße, weit drin im Busch.
Dort draußen, das wußte ich, lebte seit mehreren Jahrzehnten ein einsamer Pater, der ein halber Heiliger war, ein einfacher Mann, leider hatte er sein Englisch vollständig vergessen.
Mit aufbrüllendem Motor hielten wir an der Missionsstation, der Visitator stieg aus, legte die Stirn in Falten und trat auf den Pater zu, der sich tief und wortlos verbeugte. Und dann begann ein Dialog, der mir für alles, was ich auf dieser Fahrt durch Tanganyika erlebte, beispielhaft erschien - ganz und gar afrikanisch.
Ohne jede Einleitung fragte der Visitator den Pater lakonisch: "Father, what is your program?" Darauf der Pater, die Hände vor dem abgeschabten Priesterrock gefaltet, mit einem Blick seine ärmliche Hütte, die herumstehenden Schwarzen und den meilenweiten Busch umfassend:
"No program"!

Aus: Tunduru-Fahrt



1962 verließ Reinhard Raffalt den öffentlichen Dienst und lebte fortan als freier Schriftsteller und freier Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks in Rom. Seine Erlebnisse und Erfahrungen mit Rom, Asien und Afrika vermittelte er in einer Reihe von Büchern und zahlreichen Rundfunksendungen seinem interessierten Leser- und Hörerkreis.

"Viele Jahre geht das nun schon so mit meinem Verlag:
man behandelt mich aufmunternd, zahlt sanftmütig Vorschüsse, druckt, was ich schreibe, und korrigiert meine Orthographie. Die Leute haben es geschafft - ich bin mit ihnen befreundet. In den Jahren 1952 bis 1954 lebte ich in Rom, ernährte mich durch Orgelspielen und war ein glücklicher Mensch.
Weil ich außer Spaghetti auch zuweilen einen Anzug brauchte, schrieb ich lichtvolle Artikel über römisches Leben, schickte sie an viele Zeitungen und erhielt sie stets zurück:
"... reizend, brachten aber leider gerade vor acht Tagen einen 'diesbezüglichen' Beitrag...".
Der Rundfunk war erbarmungsvoller. Eines Tages ließ man mich über römischen Aberglauben, Droschkenkutscher und Hexen dortselbst eine halbe Stunde reden.
Wenig später kam ein Anruf: Prestel-Verlag - ich sollte hinkommen. Das ist die Chance, sagten sie im Rundfunk, vermutlich erleichtert.
Ich glaubte es und ging hin. Bücher, Bücher, Kaffee, Kognak, Zigaretten - unwiderstehliche Bonhommie. Man wünschte ein Buch über Rom von mir - bitte, gerne. Zum Schluß kam ein Pferdefuß heraus: eigentlich hätte das Buch der alte Curtius schreiben sollen, aber der hatte es immer wieder hinausgeschoben. Und als ich das hörte, wollte ich nicht mehr.

Etwa ein Jahr vor diesem ersten Verlagsgespräch hatte ich in Rom in der Anima ein Orgelkonzert gegeben.
Einen Tag später wurde ich angerufen: "Hier Curtius - (ich hatte den Olympier noch nie gesehen) - junger Mann, Sie mögen ja ein begabter Organist sein, aber was Sie da gestern gespielt haben, war ein einziger Brei, unmöglich, ganz unmöglich...!"
Ich war damals kein friedfertiger Mensch und hatte große Lust beleidigt zu sein - aber dann schluckte ich und versprach, es zu bedenken. Natürlich ließ mir die Sache keine Ruhe.
Ich prüfte die Akustik - und siehe, Curtius hatte recht. Schleunigst setzte ich ein neues Konzert an, und diesmal erwartete mich ein majestätischer alter Herr an der Orgeltreppe:
"Junger Freund, alles in Ordnung - kommen Sie zu mir zum Essen."
Von diesem Tag an öffnete sich mir im Hause des wunderbaren Mannes die Herrlichkeit der römischen Geisteswelt. Und nun sollte ich, gewissermaßen a seiner Stelle, ein Rom-Buch schreiben? Nein.
Ich ging zu Curtius und erzählte es ihm.
"Ach, Raffalt", sagte er, "glauben Sie mir, ich schreibe das nicht mehr." Er sah frisch und lebendig aus.
"Warum denn nicht, Herr Professor?" - "Nein, machen Sie's!"
Drei Wochen später war er tot. Hatte er mir den Auftrag gegeben?
Ich lief davon. Der Rundfunk schickte mich ein halbes Jahr nach Indien - Prestels warteten. Dann kam ich zurück, der Rundfunk schickte mich nach Spanien. Prestel mahnte. Schließlich verliebte ich mich - und das Mädchen war so zauberhaft, daß Prestels Lektor hinschmolz in Mitgefühl. Dennoch ging er nicht weg. Und als das Mädchen abfuhr, kannte er kein Erbarmen mehr.
Resultat: Ich bin mit Prestels befreundet, und sie müssen alle meine Irrungen und Wirrungen mittragen. Sagen Sie selbst, geschieht es ihnen nicht recht?

Aus: Die Begegnung



Breiten Raum in Reinhard Raffalts Leben nahm von Kindheit an die Musik ein. Während seiner Zeit als Direktor der Deutschen Bibliothek in Rom gründete er die "Römische Bachgesellschaft«> deren Konzerte viele Jahre zu den musikalischen und gesellschaftlichen Höhepunkten des kulturellen Lebens in Rom zählten.

"Ein Mensch, der dje Orgel spielt, bleibt nicht der, der er war Ich habe es an mjr selbst erfahren. Ein orgelspielender Mensch ist ein haltloses, furchtbaren Anfechtungen ausgesetztes Wesen, wenn nicht der Geist ihn regiert. Keine Empfindung und keine Erinnerung gibt es, der die Orgel nicht eine Stimme leihen könnte - eine Stimme, die mächtiger ist als jede andere Art von Musik. Woher kommt diese Gewalt? Daher, daß wir uns daran gewöhnt haben, im Orgelton etwas Heiliges zu empfinden, etwas über uns Hinausgehendes, Überzeitliches und Übermenschliches?
Kein Orchester bannt den Menschen so fest in das Reich der Töne wie die Orgel, die die Macht hat, ihn in seiner körperlichen und geistigen Existenz vollständig zu umhüllen. Ob ein Mensch fromm ist oder nicht, ob er sich hingibt oder widersetzt, die Macht der Orgel wird ihn erfassen, sobald er den Raum betritt, worin sie tönt.

Diese erschütternde Gewalt über das Gemüt aber ist einem einzigen Menschen in die Hand gegeben, dem Spieler am Orgeltisch. Längst hat er es aufgegeben, nur auf einer Tastatur zu spielen. Und hinzu kommt noch die Klaviatur für die Füße, auf der die Bässe stehen. So sitzt der Organist beim Spielen auf seiner Bank sozusagen frei in der Luft, und in dieser gänzlich die Schwerkraft leugnenden Körperhaltung liegt viel Bedeutung.

Jedes andere Instrument zu spielen, erfordert zehn Finger, nicht mehr. An der Orgel allein braucht der Mensch zwölf Glieder. Zwölf ist auch die Zahl der Stunden, das Maß der Zeit, die Anzahl der Apostel. Unmittelbar hinter dieser Zahl erscheint schon der Eine, der die Erlösung von unserer Unvollkommenheit in der Hand hält und unsere Taten richtet.
Wenn man daran glaubt, daß es eine einzige Kraft ist, die das Universum bewegt, die Herzen der Menschen zueinanderführt, die Gesetze der Natur bestimmt und die Weltgeschichte auf die endgültige Gestalt der Schöpfung zutreibt, dann ist es der Orgel aufgegeben, von dieser Kraft ein tönendes Abbild zu sein. Aus dem Zusammen- und Auseinanderfließen vieler selbständiger Stimmen, denen der Organist die Sprache der Register verleiht, wird uns die Geburt der Harmonie vor Augen geführt, begrenzt noch in der Flüchtigkeit des Zeitlichen, aber schon deutlich genug, um über den Schlußakkord hinaus als ewiges Prinzip geahnt zu werden."

Aus: Orgel-Meditation



"Die Antike hielt während ihres ganzen Verlaufs an einer musikalischen Dreiheit fest. Die oberste Stufe der Musik ist die musica mundana - also die das Weltall unhörbar durchflutende Harmonie der Sphären.
Die Erfahrung hatte den Pythagoras gelehrt, daß alle im Raume sich bewegenden Körper Töne erzeugen. Was aber lag näher als anzunehmen, daß auch die um die Erde sich bewegenden Planeten Töne erzeugen. Die Astronomie hatte ihn erkennen lassen, wie folgerichtig der Planetenumlauf sich vollzog. So gelangte er zu der Annahme, die von den Planeten erzeugten Töne müßten dem selben Ordungsgesetz unterliegen, das deren Bahn kennzeichnet. Zusammengenommen ergab das eine musikalische Harmonie, welche unser Ohr nur deshalb nicht vernimmt, weil wir selbst als Teil des Kosmos von ihr umfangen sind.

Die zweite Stufe trägt den Begriffsnamen musica humana. Darunter verstand man den harmonischen Zusammenklang zwischen Seele und Leib. Der römische Grundsatz: "mens sana in corpore sano - ein gesunder Geist in einem gesunden Körper" ist nur die letzte, am meisten materielle Auswirkung der viel schöneren griechischen Theorie, daß es der Geist sei, der sich den Körper baue.
In der früheren griechischen Plastik kam es weniger auf die seelische Stärke als auf die Ruhe an, die durch gelassene Schönheit die Übereinstimmung des dargestellten Menschen mit dem Kosmos ausdrücken wollte. Jedenfalls hatten die musica mundana und die musica humana ein Leben, das sich vollständig in der Sphäre des Geistes und jenseits aller hörbaren Töne vollzieht. Erst die dritte Art der Musik umfaßt das Reich der sinnenhaften Klänge - die musica instrumentalis. Es ist von größtem Belang, zu bedenken, wie weit der Begriff instrumentalis gefaßt ist. Denn auch die menschliche Stimme, die wir so gerne als den Ursprung aller Musik auffassen, wird hier zu einem Instrument. Wesentlich ist das Verständnis der musica instrumentalis als unvollkommenes, vergänglich tönendes Abbild des universalen Prinzips der Harmonie.

Es ist eine Unwahrheit, wenn heute im Musikleben gehandelt wird, als ob es über die musica instrumentalis hinaus keine Musik mehr geben könne."
Aus: Musik jenseits der Töne



Reinhard Raffalt wurde durch seine Sendungen rasch zu einem beliebten Rundfunkautor. Was lag näher, als daß er sich auch als Fersehautor versuchen würde? Weit und nicht einfach war der Weg von der Orgel zur Fernsehkamera. Auch in diesem neuen Metier wählte Raffalt mit Vorliebe musikalische Themen.

"Ich verwende einen Teil meiner Zeit darauf, Fernsehsendungen zu machen. Eine Sendung kann noch so gut konzipiert sein, der lange Weg bis zu ihrer Fertigstellung steckt voller Fußangeln, von denen der Zuschauer nichts ahnt.
Zunächst scheint es, als kämen sie aus der Technik. Erst bittere Erfahrung lehrte mich, daß das nicht stimmt.
Als ich anfing, Fernsehsendungen zu machen, war ich zunächst einfach fasziniert, Bilder zu haben, auf denen zu sehen war, was ich zeigen wollte. Der Schnitt brachte ein Resultat, das mich beeindruckte.
Dann machte ich einen Text ohne Punkt und Komma. Ich ging in die Aufnahme, sprach ihn mit Schwung und war völlig verstört, als der Tonmeister nach drei Minuten abbrach und fragte: "Sag amal, wann schnaufst'n Du eigentlich?"
Ich hatte meine harmlosen Bilder zu Tode geredet.
Kleinlaut begriff ich damals, daß die intime Kommunikation von Auge und Sprache, die wir an uns selbst erleben, keine Übereinstimmung von Bild und Wort auf dem Fernsehschirm erzeugt. Der Vorrang des Bildes war lange unbestritten. Was das Bild zeigt, braucht durch das Wort nicht mehr gesagt zu werden - eine Regel, die wie ein Gemeinplatz klingt, aber ein Dilemma enthält. Denn Bilder assoziieren wir, das Wort aber verlangt, daß wir es begreifen.

Ich war viele Jahre im Hörfunk tätig gewesen, bevor ich meine erste Fernsehsendung machte. Und es hat mich lange bedrückt, daß ich im Hörfunk eine Resonanz erreicht hatte, die im Fernsehen hervorzurufen mir nicht gelingen wollte.
Fünf Jahre Femseharbeit sind vergangen, bevor ich eine Erklärung fand: Der Zuhörer und der Zuschauer verhalten sich verschieden. Eine Rundfunksendung kann ihre Zuhörer veranlassen, die eigene Vorstellungskraft zu aktivieren, weil die Dimension des Bildes fehlt. Der Zuschauer aber, der gleichzeitig auch hört, ist durch das simultane Aufnehmen in Auge und Ohr so fixiert, daß eine aktive Teilnahme kaum mehr möglich ist. Als mir dem Bayerische Rundfunk die Aufgabe stellte, das Leben von Orlando di Lasso in einem großen Sendefolge einzufangen, war ich dem Problem nahegerückt.

Man kennt von Orlando über zweitausend Werke, von seinem Leben erstaunlich wenig.
Die äußeren Stationen seines Weges führen von Mons über Frankreich nach Sizilien, Neapel und Rom, von dort zurück in die Niederlande und schließlich nach München, wo er fünfundddreissig Jahre bis zu seinem Tode wirkte.
Es gibt einige Porträts von ihm aus verschiedenen Lebensaltern. Etwa fünfzig seiner Briefe sind erhalten, sie lassen Rückschlüsse auf seinen Charakter zu, sagen aber kaum etwas aus über die geistige Welt, die sich in großartiger Vielförmigkeit in seinen Werken spiegelt. Eine Erzählung vom Standpunkt der Gegenwart aus hätte also vielfach mit Vermutungen, Vergleichen und Hypothesen arbeiten müssen und ein lebensvolles Bild kaum erbracht.
So kam ich auf den Gedanken, Orlando sein Schicksal selbst erzählen zu lassen. Die Schwierigkeit war, daß ich zwar sein Milieu zeigen konnte, aber nicht, wie er selbst darin lebte. Also wagte ich den Versuch, die Kamera selbst zu Orlandos Auge zu machen und über halb Europa hinweg Landschaften und Kunstwerke so aufzunehmen, wie ein Mensch des 16. Jahrhunderts sie gesehen haben könnte.
Dadurch ergab sich für den Text ein reizvollem Versuch. Die Sprache durfte nicht altertümeln, mußte aber von der Sprache der Gegenwart fühlbaren Abstand wahren.
Orlando war Humanist. Ich versuchte also, seiner Sprache den Flair dem Übersetzung aus einem nichtvorhandenen lateinischen Urtext zu geben.
Es stellte sich heraus, daß durch das Zusammenwirken dieser Kriterien eine hörfunk-ähnliche Wirkung entstand. Der Zuschauer hörte Orlando sprechen, aber er sah ihn nicht. Die Person war präsent, aber der Zuschauer konnte seine eigene Phantasie einsetzen, um sie sich vorzustellen, ohne determiniert zu sein. Wie weit das Experiment gelungen ist, vermag ich nicht zu beurteilen.
Die ihm zugrunde liegende Erkenntnis, man müsse irgendwo im komplexen Ablauf des Femnsehgeschehens einen Spielraum für den Zuschauer schaffen, dürfte ausbaufähig sein."

Aus: Das unbezwingbare Medium



Reinhard Raffalts genaue Kenntnis der vatikanischen Szene und seine Eindrücke und Erlebnisse beim Tod Pius XII. brachten ihn auf die Idee, ein Theaterstück über die Wahl eines Papstes zu schreiben. An den Münchner Kammerspielen und am Wiener Burgtheatem ist es mit großem Erfolg aufgeführt worden.

"Meine großmächtigen Herren vom Theater! Zu Ihnen redet ein Mensch, der sich für einen Autor hält. Also, werden Sie sagen, hat er bei uns im Theater vor der Premiere nichts verloren. Gut, ich beuge mich - wenn auch mit Schmerzen. Denn natürlich hatte ich genau im Kopf, wie dieses Stück zu inszenieren sei, wie Sie sich bewegen müßten, wann Sie Pausen machen, wie Sie betonen sollten - und wie hätten wir diskutiert, wie hätte ich Ihnen den Vatikan vom Augen gestellt, wie wären Sie an meinen Worten gewachsen! Nächtelang habe ich davon geträumt. Und nun wird nichts daraus; denn einer von Ihnen hat mir gesagt, für einen Schauspieler sei der Autor ein Mensch, der sich um so lieber durch die Künstlermähne fährt, je weniger Haare er hat. Das ist unerträglich. Ich muß es Ihnen ersparen.

Es liegt mir fern, Ihnen eine theoretische Abhandlung über die Vorgänge anzubieten, die zur Wahl eines Papstes führen. Die Wirklichkeit des Konklave ist und bleibt ein Geheimnis, das nur die Päpste selbst lüften können.
Was mich veranlaßt hat, die Fiktion eines Konklave auf die Bühne zu bringen, war die unerhörte Möglichkeit, innerhalb eines dramatischen Vorgangs von einleuchtender Brisanz die gesamte Problematik des Verhältnisses zwischen dem katholischen Kirche und der Menschheit in ihrem gegenwärtigen Zustand darzustellen, und zwar durch Menschen.
Denn auch ein Kardinal ist ein Mensch. Das einzige Element, daß ihn von Ihnen und mir unterscheidet, ist nicht, daß er ein Fürst der Kirche, sondern daß er ein Priester ist. Das Stück ist unaufführbar, wenn seine Personen den Eindruck hervorrufen, sie bedürften des Orgelklanges, um beten zu können. Dieses Stück hat keine Tendenz.
Ich habe nicht die Absicht, jemanden zu bekehren. Noch weniger habe ich die Absicht, eine kirchenpolitische Richtung zu fördern oder eine andere zu schmälern.
Absurd wäre es allerdings, anzunehmen, daß dieses Stück gegen die katholische Kirche geschrieben sei. Dieses Stück ist ein Schauspiel. Ich bitte Sie von Herzen: verhindern Sie, wenn es Ihnen irgend möglich ist, daß daraus eine Tragödie wird."

Aus: Der Nachfolger



In den letzten Jahren seines Lebens sah Reinhard Raffalt seine Rolle in der Welt immer mehr als die eines Rufers und Mahners. Groß war seine Sorge über den Niedergang dem Tradition in dem katholischen Kirche, die Kulturfeindlichkeit, die Abwendung vom Humanismus und um die Zukunft Europas. Dieser seiner Besorgnis um den Untergang der abendländischen Kultur verlieh er in zahlreichen Vorträgen und Reden Ausdruck und Stimme.

"Ich glaube an Gott als den Herrn dem Geschichte. Also zweifle ich an der Kraft menschlicher Intelligenz, die Gegenwart zu durchschauen. Kommenden Zeiten traue ich nicht ein Gran mehr an Vollkommenheit zu, als der Welt, in der wir leben. Ich kann mich nicht zu der Zukunftsgläubigkeit aufraffen, aus der die "Kirche dem Kapläne" den Elan zieht, zu zerstören, was mir einst ein Vaterhaus gewesen ist."
Aus: Wohin steuert der Vatikan



"Ich bin überzeugt, daß der religiöse Mensch schöpferisch sein muß - und kann daher die katholische Kirche nicht ohne die Schönheit sehen, die sie selbst geschaffen hat. Die katholische Liturgie ist das Werk langer Jahrhunderte und hat viele Reformen erfahren.
Daß sie aus dem Verlangen nach der Verherrlichung des Mysteriums entstanden ist, hatte eine Nebenwirkung, die genau den Punkt kennzeichnet, an dem sich das Numinose mit der Kultur berührt; sie wurde zum großartigsten und variationsfähigsten Gesamtkunstwerk, das wir kennen. Ihre einzige Intention war die Vorwegnahme der Herrlichkeit, unter der die Gesamtheit der Schöpfung den Sieg des Lebens über den Tod feiert."

Ass: Rückzug der Kirche aus der Kultur


"Wie können Sie nur weiterhin behaupten", wurde ich gefragt, "ein Christ zu sein, da Sie doch eigentlich ein Intellektueller sind?"
Vielfach hat man den Eindruck, als sei das Christentum, oder besser das Christsein, eine Art religiöses Hobby geworden - und bekanntlich ist es demokratisch, jedem Menschen sein Hobby zu lassen. Als eine Behauptung, die in unseren Tagen eigentlich keines Beweises mehr bedarf, möchte ich an den Anfang meinem Überlegungen stellen:
wir haben zwar eine christliche Religion, aber wir haben keine christliche Kultur."

Aus: Fastenzeiten der christlichen Kultur


"Was sollen wir denn überhaupt unter christlicher Kultur verstehen? Gemäß den Grundgesetzen der Demokratie ist Religionsfreiheit vom Staate verbürgt und folglich religiöse Überzeugung, Privatsache des Einzelnen. Konsequenterweise könnte man weiter sagen: ebenso wie es für den Staat uninteressant sein muß, welche religiöse Überzeugung ich hege, muß es für mein kulturelles Interesse uninteressant sein, ob ich ein Christ bin.
Das fabelhafteste Rezept für diesen Zirkelschluß heißt Toleranz. Zweifellos kann ich Picasso einen großen Maler finden, auch wenn ich weiß, daß er Atheist ist.
Ebenso kann ich Bmechtfüreinen unerhörten Dichter halten, selbst wenn mim dem Kommunismus im allgemeinen und der seine im besonderen zuwidem sind.

Aber: ich habe, als mein Schauspiel "Der Nachfolger" inszeniert wurde, von einem Schauspieler, den ich hochschätze und gerne in einem bestimmten Rolle gesehen hätte, die respekterheischende Antwort erhalten: "Es tut mir leid, ich kann das nicht spielen, denn es geht gegen meine tiefste Überzeugung."
Ich wüßte gerne, wo es einen christlichen Schauspieler gibt, der in einem der vielen blasphemischen Stücke, die über unsere Bühnen geistern, eine interessante Rolle aus Gründen dem Überzeugung abgelehnt hätte. Die Toleranz scheint mir vorläufig sehr einseitig zu sein. Wer dem Christentum anhängt in unserem Gesellschaft, findet es entweder unfair, gegen Angriffe auf das Christentum mit dem Gegenangriff zu antworten - oder er hat nicht die Argumente."

Aus: Fastenzeit der christlichen Kultur


"Es ist nicht notwendig, dem Priester, wenn man ihn als einen Bürger diesem Welt versteht, feudale Privilegien zuzuerkennen, die unserer Gesellschaftsform nicht mehr entsprechen. Aber muß deshalb wirklich der Gottesdienst mit vernüchtert werden?
Ich wünschte mir sehr einen Klerus, dem in Einfachheit und Bescheidenheit lebt. Ich wünschte mir aber weiterhin den Gottesdienst in allem ausdenkbaren Glanz gefeiert, und zwar in der erkennbaren Tendenz, daß es sich dabei nicht um einen Dienst an den Menschen für Gott sondern um den Dienst der Menschen an Gott handelt."

Aus: Fastenzeit der christlichen Kultur



"Der wahre Schlüssel zum modernen Menschen kann für die Kirche nur darin liegen, in ihrem eigentlichsten Bereich, der Liturgie, wieder kulturschöpferisch zu werden."
Aus: Fastenzeit der christlichen Kultur


"Die Kirche hat sich während des Konzils klar von ihrer früheren Auffassung distanziert, in einem stürmenden Meer des Bösen die einzige rettende Insel zu sein. Das bedeutet aber doch nicht, daß durch die Aufwertung der außerhalb der Kirche existierenden Welt eine Niveauangleichung wünschenswert wäre, die zum Beispiel die katholische Kirche zu einer Variationsmöglichkeit des Christentums, dieses zu einer Spielart des Monotheismus, diesen wiederum zu einem Möglichkeit innerhalb der Religionen werden ließe.
Die Wohlunterschiedenheit der Kirche gegenüber der Welt ist eine unabdingbare Notwendigkeit ihrem Existenz."

Aus: Fastenzeit der christlichen Kultur

"Gott sei Dank ist die katholische Kirche etwas anderes als die Summe ihrem Pfarrer. Deshalb bleibe ich Katholik. Ob wahr ist, was ich glaube, werde ich wissen nach meinem Tode.
Mittlerweile beuge ich mich der alten Weisheit: "Gott schreibt gerade - auch auf krummen Zeilen."

Aus: Wohin steuert der Vatikan



"Wann wird Bayern sich entschließen, Kapital aus dem Tatsache zu schlagen, daß es in Österreich und in dem Schweiz Verbündete hat, die durch eine gewachsene alpenländische Nachbarschaft die natürlichen Freunde Bayerns sind - so sehr man sich in der Vergangenheit auch gezankt haben mag?
Die eumopäische Idee ist beinahe bankrott. Die alpenländische Nachbarschaft ist es nicht - und sie wäre das Herz Europas, das endlich zu schlagen beginnen sollte."

Aus: Bayern - Utopie und Wirklichkeit



"Wenn wir um uns blicken, werden wir unschwer feststellen, daß unsere Gegenwart nicht mehr auf der Suche nach Vorbildern ist, sondern mit hingebungsvollem Masochismus die Zerstörung aller bisher gültigen Vorbilder vornimmt.
Nicht ein natürlicher Verfall ist es, der die klassische Bildung ergriffen hätte, sie wird absichtsvoll und willentlich preisgegeben. Die Begründung ist einfach: ein System von Erkenntnissen und Maximen muß wertlos sein, wenn die Menschen, die sich seiner rühmten, gleichzeitig unvermögend waren, Katastrophen wie die der beiden Weltkmiege zu verhindern."

Aus: Buch und Bildung



"Die Nachkommen Fausts scheinen Millionen kleiner Wagners, die sich für alles interessieren, nur nicht für das Ganze. Wir sagen: wer viel weiß, ist ein gescheiter Mensch - und haben vergessen, daß ein gebildeter Mensch nur der wäre, der das Richtige weiß. Nicht "gewußt, wie" sondern "erkannt, warum", darin läge der Unterschied.
Das soll nicht heißen, daß es heutzutage Bildung nicht mehr gäbe. Aber wir müssen uns damit abfinden, daß die traditionelle Bildung der Vergangenheit, in der sie früher nur gewurzelt hat nunmehr angehört."

Aus: Buch und Bildung



Europa ist heute wirtschaftlich, mehr noch aber politisch verwirrt. Doch kann man - in einem Augenblick der Besinnung -immerhin an der Tatsache festhalten, daß die Idee Europas von Anfang an ihre vitale Kraft empfängt aus einer Kommunikation zwischen Orient und Okzident. Die Brücke, die solch wechselseitige Durchdringung ermöglichte, entsprach ganz dem Charakter Europas.
Sie war kein festes Bauwerk, sondern ein schwankendes, geheimnisvolles Element: das Meer - das Mittelmeer. Diese Grundtatsache hat einmal in dem Geschichte zu einer Gestalt von großer politischer, wirtschaftlicher und religiösem Tragfähigkeit geführt, die uns heute noch zu schaffen macht. Sie trägt den Namen Imperium Romanum. Niemand wird ernsthaft behaupten, der europäische Gedanke, um den unsere Gegenwart zuerst gerungen hat, um sodann beinahe zu resignieren, sei im römischen Reich verwirklicht worden.
Doch mag es bedenkenswert erscheinen, daß die mythische Ursituation, nämlich die Wegstrecke der orientalischen Prinzessin Europa nach dem später Europa genannten Kontinent über das Mittelmeer ging und auf einer seiner großen Inseln ihr Ende fand. In der ganzen Antike hat man den Begriff Europa gekannt. Es wäre aber unmöglich gewesen, dieses Europa ohne die Gesamtheit der anrainenden Völker des Mittelmeeres zu sehen. Dies ist uns mittlerweile ein durchaus fremdes Vorstellungsbild geworden.

Wir sprechen heute von Europa und meinen damit - unter anderem - eine klare Abgrenzung gegenüber den Völkern des südlichen und des östlichen Mittelmeeres. Die Revision dieser Frage scheint mir der Anfang aller Überlegungen, welche sich mit der Realisierung eines künftigen Europa tiefer als nur auf pragmatische Weise befaßt.
Es ist - gewiß - eine Utopie, doch wage ich zu behaupten: solange die Nordküste des Mittelmeeres identisch ist mit dem Südküste eines zu bauenden Europas, wird es dieses Europa nicht geben.

Aus: Europa und der goldene Meilenstein



"Im Jahre 1961, am 15. Februar, um 8.33 Uhr morgens sah ich aus dem Fenster eines Flugzeuges in 7500 Meter Höhe über der Stadt Ancona und dem Adriatischen Meer für die Dauer von zwei Minuten die vollständige Verfinsterung dem Sonne.
Zwei Minuten ohne Zeit - nicht Tag noch Nacht. Die Erde Italiens knochenbleich, das Meer ein böser Sumpf, der Himmel schwarz und voll leuchtender Sterne. In dem Mitte das apokalyptische Gestirn. Und ich - ein Mensch ohne Gefühle, meiner Sinne beraubt bis auf das Auge.
Ich bin sicher, in jenen zwei Minuten nichts gedacht und nichts empfunden zu haben. Ich erinnere mich, daß ich fror. Als der erste Sonnenstrahl wieder erschien, dachte ich an den Tod. Als der Tag seinen Fortgang nahm, habe ich an alle gedacht, die mir nahestehen, und gewünscht, sie hätten sehen können, was ich sah. Aber während des leuchtenden Dunkels war Einsamkeit um mich. Und es war nicht die Einsamkeit der Entfernung.
Ein großer Mann, der den Augenblick seines Todes nahen fühlte, sagte zu jemand, der ins Zimmer trat: "Störe mich nicht, ich sterbe."
Im Tode ist dem Mensch allein: zum ersten Male nähert sich ihm ein Geschehen, das von seiner ganzen Natur, ohne irgend etwas an ihm zu verschonen, Besitz ergreift. Das Absolute ist bedingungslos. Daran gemessen wird die Erreichbarkeit des Nächsten eine entschwindende Frage. Ein schreckensvoller Gedanke für alle, die weiterleben, für den Betroffenen aber eine überwältigende Wahrheit. Die Ahnung davon lag über mir, als die Sonne sich verfinstert hatte."

Aus: Die Sonnenfinsternis


Die Anfänge in Rom waren hart, allein, ohne Beziehungen, mit dürftigen Sprachkenntnissen.