REINHARD   RAFFALT

- Die große Orgel von Passau -

entnommen dem Privatdruck für die Freunde Reinhard Raffalts und des Prestel Verlages
Dezember 1961, Auflage 1000 Stück

IM DOM VON PASSAU gibt es drei Throne. Den ersten, baldachinüberdeckt, nimmt im Altarraum der Bischof ein. Es ist der Thron des Segens und der Liebe.
Den zweiten, die Kanzel, besteigt der Prediger. Es ist der Thron des Wortes und der Hoffnung.
Der dritte, hoch auf der Empore, ist der Spieltisch der großen Orgel: der Thron der Ordnung und des Glaubens. Wie der Bischof ein Vorbote ist für den Heiligen Geist und der Prediger ein Vorbote für die Wahrheit des Sohnes, so ist der Orgarist ein Vorbote für den Sinn der Schöpfung. Sein Amt reicht zurück bis an den Anfang der Zeit, als sich aus dem Chaos die Gestalt des Universums erhob in der Harmonie der kreisenden Gestirne. Und es reicht voraus bis an das Ende der Tage, wenn die Gegensätze der erschaffenen Welt in Gott zusammenfallen werden.
Von diesem Spieltisch aus regiert der Organist die Münder von sechzehntausend Pfeifen. Sie sind aus Metall und Holz, je nach der Farbe ihres Klanges. Das Metall kommt aus dem Gebirge, es ist ein Teil der anorganischen Natur. Das Holz kommt aus den Wäldern, es trägt in sich das Wachstum der organischen Welt. Der elektrische Strom, der die Ventile der Pfeifen aufstößt, gehört dem Element des Feuers zu, und der Wind, der in die Leiber der Pfeifen fährt und sie zum Klingen bringt, ist die Luft, die wir atmen.

Prunkvoll ist das Gehäuse des Werkes, mit Engeln und Girlanden goldüberzogen in zwei großen Türmen aufgebaut, die ein geflügeltes Wappen mit einer Krone flankieren. Die Pfeifen, die an der Schauseite stehen, sind von majestätischer Form und silbernem Glanz. Aber dahinter erst beginnt es. Da stehen, in Stockwerke gegliedert, Heere von Pfeifen der verschiedensten Gestalt: kurze und lange Becher, viereckige Pfähle und schlanke Stäbe, zylindrische, kegelförmige, gedrungene mit runden Hüten, Rudeln von Kleinpfeifen, die wie Stifte aussehen, überlang in die Höhe gezogene und zwergenhaft verknorpelte - jede mit einer Stimme begabt, die durch Schlag und Druck verändert werden kann.
Verborgene, ausgedehnte Chöre, schön und millgestaltet, geheimnisvoll auf den Ruf des Windes wartend, den der Finger des Organisten in ihre Körper lenkt.

So fremdartig ihre Gestalt ist, so poesievoll sind ihre Namen. Auf den zweihundertacht Registerklappen des Spieltisches stehen sie verzeichnet. Da ist die Gymbel, von der schon die Psalmen singen. Die Tuba mirabilis führt unseren Geist zurück zu den Mauern Jerichos. Da ist die Äolsharfe, dem sagenhaften König der Winde zubenannt, von dem uns Homer berichtet, da ist die Jubalfiöte, des biblischen Vaters der Pfeifer und Geiger berühmtes Instrument. Nachthorn - eine nächtliche Stadt im Mittelalter. Gemshorn - das Bild der Alpen steigt herau£ Salizional, der Trauerweide verwandt - Dulcian, die Zärtlichkeit des südlichen Himmels beschwörend - Unda Maris, die Woge des Meeres in sanftester Bewegung vorstellend - Vox Humana endlich, die Stimme des Menschen, in seltsam verkrüppelte Pfeifen gebannt. Der Organist muß vorher wissen, welcher Klang ertönen wird, wenn er die Register zieht; sonst gelingt die Mischung nicht, die seines Amtes ist.

Vor mir liegt der Spieltisch mit seinen vierzehnhundert Zügen und Knöpfen, mit seinen fünf Manualen, mit seinen weit aus ladenden Flügeln, auf denen die Reihen der Registerklappen sich dehnen und die Kombinationszüge zu Hunderten gehäuft sind. Uhren, Schwelltritte, Walzen und Lichtzeichen - es ist eine Mutfrage, ein solches Instrument zu bedienen.
Vielleicht war es ein Irrtum, solche Riesenwerke zu bauen. Der Raum der Passauer Bischofskirche wäre sicher schon mit der Hälfte der Pfeifen zu füllen gewesen. Aber die Prozession von Engeln und Heiligen, Bischöfen und Märtyrern, die sich in pathetischen Aufschwüngen der Deckengewölbe dieses einstmals gotischen Gotteshauses bemächtigt haben, verlangt den Reichtum, nicht nur die Kraft.
Und so sollte alles, was aus den Stoffen der Natur unter dem Prinzip der Orgel zum Tönen gebracht werden kann, hier versammelt werden. Es sollte noch die tiefste Gewalt übermenschlicher Posaunen, es sollte noch die fernste Zartheit kaum hörbarer Schwingungen einsetzbar sein: es sollte die menschliche Natur in ihrem feinsten Sinne, dem Gehör, ganz und gar ausgemessen werden - und dies ist gelungen. Ein Mensch, der diese Orgel spielt, bleibt nicht der, der er war. Ich habe es an mir selbst erfahren.

Wenn ich mich zweihundertacht verschiedenen Klangfarben gegenübersehe, die in Ausdehnung und Lautstärke die Grenzen der menschlichen Fassungskraft erreichen, ist mir eine Macht in die Hand gegeben, der ich nicht erliegen dar£ Ein Orgelspielender Mensch ist ein haltloses, furchtbaren Anfechtungen ausgesetztes Wesen, wenn nicht der Geist ihn regiert. Bedenken wir, was sich aus den harrenden Klangmassen entfesseln läßt. Da seufzt die Flöte Jubals das Leid und Trostbedürfnis des Einsamen durch die Hallen des Kirchenschiffs. Im Klang der Tuba verbirgt sich der Zorn, der von Moses bis zur Vertreibung der Wechsler aus dem Tempel reicht, aber den sieben Todsünden zugehört, wenn sein Ursprung nicht heilig ist.
Die Erinnerung an die Klagelieder der Juden, gleichviel, ob an den Wasserflüssen Babylons oder im Warschauer Ghetto, kann aus den Rohrwerken auff teigen. In den sanften leuchtenden Streicherstimmen liegen die Sonnenuntergänge Umbriens verborgen, die Mystik des Rosengartens von Portiuncula und die brennende Sehnsucht nach dein himrnlischen Vaterhaus tönen in Äolinen und Weidenpfeifen durch die Zeiten fort. Aus Spanien bringen uns die Kriegstrompeten die Erinnerung an chrisdiche Ritterheere herüber, die durch siebenhundert Jahre für das Kreuz gefochten haben, und ihre Fanfaren beschwören das längst vergessene Bild des Ritters mit dem gebeugten Knie, dem die Rettung des Abendlandes anvertraut war.

Keine Empfindung und keine Erinnerung gibt es, der die Orgel nicht eine Stimme leihen könnte - eine Stimme, die mächtiger ist als jede andere Art von Musik. Woher kommt diese Gewalt? Daher, daß wir uns daran gewöhnt haben, im Orgelton etwas Heiliges zu empfinden, etwas über uns Hinausgehendes, Überzeitliches und Übermenschliches? Vielleicht kann eine technische Erklärung die Antwort geben.

Jedes Instrument braucht zu seiner Entfaltung einen Resonanzkörper. Bei der Geige ist es der Leib, bei den Blasinstrumenten oftmals der Kopf des Spielenden, bei der Orgel aber nicht das Gehäuse, worin die Pfeifen stehen, sondern der Raum. Wenn ein Organist die Orgel in diesem Dom zur äußersten Stärke entfaltet, dann beginnen die Steine der Kathedrale zu beben. Und der Mensch, der dies hört, sitzt dem Instrument nicht gegenüber, er befindet sich mitten darin. Durch die in Schwingung versetzte Architektur dringt der Klang von allen Seiten auf ihn ein, von den Gewölben herunter, von den Pfeilern und Altären her, von der Kuppel herab, selbst vom Boden herau£ Kein Orchester bannt den Menschen so fest in das Reich der Töne wie die Orgel, die die Macht hat, ihn in seiner körperlichen und geistigen Existenz vollständig zu umhüllen. Ob ein Mensch fromm ist oder nicht, ob er sich hingibt oder widersetzt, die Macht der Orgel wird ihn erfassen, sobald er den Raum betritt, worin sie tönt.

Diese erschütternde Gewalt über das Gemüt aber ist einem einzigen Menschen in die Hand gegeben, dem Spieler am Orgeltisch. Längst hat er es aufgegeben, nur auf einer Tastatur zu spielen - in Passau stehen ihm fünf zu Diensten. Und hinzu kommt noch die Klaviatur für die Füße, auf der die Bässe stehen. So sitzt der Organist beim Spielen auf seiner Bank sozusagen frei in der Luft, und in dieser gänzlich die Schwerkraft leugnenden Körperhaltung liegt viel Bedeutung.

Jedes andere Instrument zu spielen, erfordert zehn Finger, nicht mehr. An der Orgel allein braucht der Mensch zwölf Glieder. Zwölf ist auch die Zahl der Stunden, das Maß der Zeit, die Anzahl der Apostel. Unmittelbar hinter dieser Zahl erscheint schon der Eine, der die Erlösung von unserer Unvollkommenheit in der Hand hält und unsere Taten richtet. Wenn man daran glaubt, daß es eine einzige Kraft ist, die das Universum bewegt, die Herzen der Menschen zueinanderführt, die Gesetze der Natur bestimmt und die Weltgeschichte auf die endgültige Gestalt der Schöpfung zutreibt, dann ist es der Orgel aufgegeben, von dieser Kraft ein tönendes Abbild zu sein. Aus dem Zusammen- und Auseinanderfließen vieler selbständiger Stimmen, denen der Organist die Sprache der Register verleiht, wird uns die Geburt der Harmonie vor Augen geführt, begrenzt noch in der Flüchtigkeit des Zeitlichen, aber schon deutlich genug, um über den Schlußakkord hinaus als ewiges Prinzip geahnt zu werden.

Siehe auch Das Haus der Musik - Die Orgel des Stephans-Doms in Passau, erhältlich als CD.