REINHARD   RAFFALT

- Zwei Reden auf eine Mutter -

"WANDERER DURCH DIE ZEIT

GEDENKE IHRER

WENN DU DIESES BLATT AUFSCHLÄGST"

Bild Hildegard Raffalt 

HILDEGARD RAFFALT

GEBORENE EDLE VON REICHENBACH

WAR EINE WARMHERZIGE, LEBENSVOLLE

FRAU, HAT VIEL GELITTEN, VERLANGTE

NACH TRÖSTUNG, GLAUBTE AN GOTT

UND SPENDETE LIEBE

__________

VERGILT IHR DIE LIEBE

DURCH EIN KLEINES GEBET

ZUM REQUIEM

IN DER ST. JOHANNIS KIRCHE

ZU PASSAU

AM 20. MÄRZ 1975

 

 

Wir sind versammelt, um Gott die Ehre zu geben und Ihm zu danken für das lange und reiche Leben einer Frau, die geschaffen war, Liebe zu geben. Um diesem Dank die Gestalt des Wortes zu verleihen, greifen wir zurück auf einen geheiligten Brauch des antiken Rom.

Damals, insonderheit während der frühchristlichen Jahrhunderte, war die Gedenkrede auf einen jüngst verstorbenen Menschen stets einem Mitglied der Familie anvertraut. Deshalb stehe ich - obwohl ein Laie - heute im sakralen Raum vor Ihnen, um von meines Bruders und meiner eigenen Mutter zu sprechen.

Hildegard Wilhelmine Theresia Mathilde Edle von Reichenbach, in erster Ehe vermählt mit Richard Prusik, in zweiter mit Michael Raffalt, verbreitete in ihrem Leben stets Wärme und Geborgenheit. Sie besaß die Großmut, ihre Fehler nicht nur in der Verborgenheit des Beichtstuhles vor dem Priester zu bekennen, sondern ganz ohne Selbstschonung auch vor ihren Kindern.

Ohne Vorbehalt lag ihr Herz offen vor jedem Menschen, dem sie begegnete. Es gab nichts, was ihrem Wesen fremder gewesen wäre als die Kunst der Diplomatie. Vorsicht im Umgang mit Menschen war ihr ein Greuel. Man konnte sicher sein, daß jedes ihrer Worte zum Ausdruck brachte, was sie wirklich dachte und empfand. Die Liebe zur Wahrheit war das oberste Prinzip ihres Charakters - und sie war immer aufs Neue verblüfft, daß es Leute gab, die ihre unverblümt geä ußerten Ansichten und Urteile nur schlecht vertrugen.

Dabei war sie weit entfernt, zu moralisieren. Ungefragt sagte sie ihre Meinung und kümmerte sich wenig darum, ob ihr Gesprächspartner davon betroffen sein würde. Niemals aber war ihr Urteil distanziert, stets wollte sie den Menschen aufhelfen und nichts machte sie - besonders in späteren Jahren - glücklicher, als wenn jemand kam, ihren Rat einzuholen. Für uns Kinder zumal war sie eine Art Vorgriff auf die Mutter des guten Rates, die wir in der Madonna verehren. Sie pflegte ihren guten Rat zumeist in die Form eines alles verstehenden und verzeihenden Humors zu kleiden, aber auch in sehr ernsten Situationen waren ihre Worte stets verbunden mit Zärtlichkeit.

Noch die geringste Kundgabe ihrer Liebe war undenkbar ohne ein Streicheln von ihrer Hand, ohne eine Litanei winziger Küsse, ohne eine tröstende Umarmung. Sie hat uns von Kindheit an gelehrt, daß man sich seiner Rührung nicht schämen braucht und daß es notwendig ist, Liebe nicht nur zu empfinden sondern auch zu zeigen. Dabei war sie durchaus resolut und brachte einen Mut auf, der manchem Mann wohl anstünde. Es war ihr gänzlich wesensfremd, daß ein Mensch sich erlauben könnte, schwach zu sein -und dies auch noch zuzugeben.

Zumal von Männern verlangte sie Aufrichtigkeit und Starkmut, um dann für den Mann ihrer Wahl das ganze Sensorium ihres weiblichen Instinktes einzusetzen, damit die Entscheidungen, die er traf, nicht zu seinem Schaden ausschlugen. Man kann in ihr, ich glaube zu Recht, die Frau in ihrer vollen Natur erblicken, die für einen Mann immer zugleich Geliebte, Mutter und Kind ist. Unser Schmerz beginnt bei dem Gedanken, daß sie uns nie mehr das Kreuzzeichen auf Stirn, Mund und Brust zeichnen wird, wie sie es bei jeder Abreise getan hat - daß wir niemals wieder hören werden: »Paß' auf dich auf, komm bald wieder, ich werd' inzwischen brav sein.«

Im ganzen genommen war diese Frau ein Geschöpf, wie nur das alte Österreich es hervorbringen konnte. In Mähren geboren, durch eine lange Ahnenkette mit der kaiserlichen und königlichen Monarchie verbunden, ausgestattet mit der unvergleichlichen Mischung von Eigenschaften, wie sie der Vielvölkerstaat zustande brachte: Charme und Melancholie, Lebensklugheit und Humor, die grenzenlose Fähigkeit, Schläge des Lebens hinzunehmen und sich dennoch ein leichtes Herz zu bewahren.

Dazu Selbstironie und Schönheitssinn. Dieser war so ausgeprägt, daß sie zum Beispiel, als ich im Alter von zwölfjahren eine Brille zu tragen begann, in ihrer realistischen Art sagte: »Dieses Instrument wird dich für den Rest deines Lebens entstellen - aber bitte merk' dir, ich hab' dich als ein schönes Kind geboren.« Sie war außerordentlich musikalisch, hatte aber einen nicht weniger feinen Sinn für die Sprache. In der letzten Zeit ihres Lebens, als sie nicht mehr lesen konnte und auch ihr Gehör nachließ, verbrachte sie Stunden auf ihrem Diwan und rezitierte das ganze »Lied von der Glocke« und viele andere klassische Dichtungen, die sie in ihrer Jugend auswendig gelernt hatte.

Die beiden wichtigsten Elemente ihrer Persönlichkeit, gewissermaßen die Quellen ihres Wesens aber waren ihr Bedürfnis nach Freiheit und ihr Glaube. So streng sie uns Kinder erzog, so intensiv war sie darauf bedacht, uns den Sinn für Freiheit einzupflanzen. Die Erkämpfung des persönlichen Lebensraumes und seine Verteidigung erschienen ihr die Voraussetzung für die Würde, auf die der Mensch Anspruch hat. Jede Liebedienerei hielt sie für eine Art von Sünde. Gerade deshalb war ihr keine Anstrengung zuviel, uns die Wichtigkeit der Umgangsformen beizubringen.

Vor zwei Jahren gab sie mir selbst noch ein unvergeßliches Beispiel ihrer Höflichkeit. Als sie damals, im Krankenhaus, dem Tod bedenklich nahe war, kamen der behandelnde Arzt und ich einmal am späteren Abend an ihr Bett. Mit einem von Kraftlosigkeit gekennzeichneten Lächeln sagte sie zu dem Arzt: »Ich freue mich sehr, Herr Doktor, über Ihren Besuch, der Ihnen sicher ein Opfer ist. Entschuldigen Sie bitte, daß mein Zustand es mir nicht erlaubt, Ihnen etwas anzubieten.«

Ihre Frömmigkeit war ähnlicher Natur. Sie war mit dem lieben Gott sehr vertraut, er begleitete sie durch ihr langes Leiden und ihre steigende Hinfälligkeit Stunde um Stunde. Aber Sonntag für Sonntag hat sie sich bei Ihm entschuldigt, daß sie zu schwach war, in die Kirche zu gehen, »wie sich das gehört«.

Inmitten all der Leiden ihres Alters hatte sie den Vorzug der Behandlung durch einen liebevollen, einfühisamen Arzt. Gott fügte die Gnade hinzu, daß ihr Tod ohne Schmerzen war und von einer Sanftheit, um die wir alle beten können, wenn uns die Stunde schlägt. So verließ ein Herz voll Liebe diese zeitliche Welt. Möge der Gott der Liebe es barmherzig annehmen. Denn das Leben endet nicht mit dem Sterben -es beginnt nach dem Tode.

 

ZUR GEDÄCHTNISMESSE IN DER KATHEDRALE VON ST. STEPHAN

ZU WIEN AM 9. MAI 1975

Was sterblich war an dem Menschen, der den Namen Hildegard Raffalt trug, haben wir der Erde anvertraut, denn er ist ein Teil der Natur gewesen. Der unsterbliche Teil, der der Übernatur zugehört, unterliegt dem Ratschluß Gottes und ruht in Seiner Hand. Mit der Bitte um die ewige Ruhe und das ewige Licht haben viele von uns dieses Hinscheiden begleitet und die Barmherzigkeit des Allmächtigen angerufen, ohne dessen Willen, wie wir glauben, nicht ein Blatt vom Baume fällt und nicht ein Haar von unserem Haupt.

Daß diese Gedenkmesse heute unter so besonderen Umständen stattfindet, offenbart einmal mehr, wie geheimnisvoll eine höhere Macht als wir in unserem Leben dafür sorgt, daß sich die Kreise schließen. Noch am selben Abend, an dem unsere Mutter erlosch - ich sage »unsere Mutter«, weil ich auch im Namen meines zur Abwesenheit gezwungenen Bruders spreche - an jenem Abend also, als sie ohne Todeskampf ihren letzten Atem mit der Luft vereinigte, aus der wir alle das Leben ziehen, kam uns der Gedanke, den Kardinal Mindszenty zu bitten, dieser Messe beizuwohnen und sein Gebet - es wäre das Gebet eines Martyrers gewesen - mit dem unseren zu vereinen.

Auf Anfragen gab man uns die Auskunft, Kardinal Mindszenty werde um diese Zeit auf Reisen sein - und tatsächlich war er es, wenngleich anderswohin, als wir alle angenommen hatten. Gleichzeitig wurde unsere Messe von vorgestern auf heute verschoben. Heute vormittag wurde der Kardinal in der Stephanskirche aufgebahrt. So ist er nun doch anwesend, wenn auch anders, als wir es uns vorstellten.

Die ursprüngliche Veranlassung für unsere Überlegung, diesen großen Mann um sein Gebet bei der Gedenkmesse auf unsere Mutter zu bitten, war das Gefühl, es bestünde ein sublimer, kaum definierbarer Zusammenhang zwischen dem letzten Inhaber einer hohen Würde innerhalb des Vielvölkerstaates, der den Namen Österreich-Ungarn trug, und einem Menschenwesen, welches sich selber zu Recht als Österreicherin im alten Sinne verstand - in Charakter, Wahrheitsliebe, Lebensfreude, Wärme der Empfindung, Unbeugsamkeit - und vor allem in dem Bedürfnis, Liebe zu geben und in der Kunst, Liebe zu empfangen.

Als sie - in zweiter Ehe - meinen Vater heiratete, verließ sie Österreich nur unter größtem Widerwillen. Es war ihr bedeutsamster Liebesbeweis, daß sie meinem Vater in die Kleinstadt folgte, nach Passau. In den ersten eineinhalb Jahren ihres dortigen Aufenthaltes verging kein Tag, an dem sie sich nicht aus der Wohnung stahl, um auf den Fußgängersteg zu gehen, der die Gleise des dortigen Grenzbahnhofes überbrückt. An das Geländer gelehnt, wartete sie, bis der Schnellzug nach Wien zu ihren Füßen abfuhr, um dann mit verweinten Augen nach Hause zurückzukehren. Eines Tages erklarte sie meinem Vater, sie hielte es in dieser Stadt, welche damals von Frömmigkeitsformen angefüllt war, denen sie den Beigeschmack von Bigotterie zumaß, nicht mehr länger aus. Diese sachlich geführte Diskussion war der Ursprung meiner eigener Existenz. Sie alle werden verstehen, daß aus einer solchen Initial-Situation eine beiderseits unbewußte Bindung zwischen Mutter und Sohn entstand, der durch zweiundfünfzig Jahre die Gnade geschenkt war, immer tiefer, lebendiger und schließlich unaussprechlich zu werden.

Hinzukam die innige Beziehung des Ehepaares Michael und Hildegard Raffalt zueinander. Mein Vater hat als Buchdruckergeselle in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts auf der Wanderschaft die Alpen von Genf bis Laibach zu Fuß durchquert, gelangte schließlich als Schriftsetzer an die damalige Wiener »Neue Freie Presse«, war schon wenige Jahre später zum technischen Direktor des österreichischen Schulbuch-Verlages Rohrer in Brünn aufgerückt und lernte als solcher meine Mutter kennen.

Als die beiden endlich kirchlich heiraten konnten, weil der erste Mann meiner Mutter inzwischen in den Wirren der letzten Kriegstage auf tragische Weise verstorben war, wurde mir die Freude zuteil, bei ihrer Eheschließung als Trauzeuge zu fungieren und die Orgel zu spielen. Beide wünschten sich damals, die Melodie zu hören, die der junge Mozart vor dem Antritt seiner großen Reise nach Paris dem Gnadenbilde von Mariazell gewidmet hatte.

Vater und Mutter hatten - wie Sie aus all dem erkennen - nicht nur eine immerwährende kompromißlose Liebe zueinander bewahrt, sondern auch die gleiche - wenn schon zunächst auf sozialer Ebene unterschiedene - Anhänglichkeit an das alte Österreich.

Für unsere Mutter zumal war Wien die Hauptstadt der Welt, aus der sie kam, und der Stephansdom das Herz von Wien. In jungen und in späteren Jahren strebte sie viele Male in diese Kirche, um Trost in manchem Kummer zu finden, Hoffnung zu schöpfen in Lebenslagen, die sie selber schon für ausweglos zu halten geneigt war - schließlich aber auch, um Gott zu danken, daß die Menschen ihrer Liebe, vor allem ihre Söhne, Krieg und Lebens-bedrohung überstanden hatten, ohne Schaden zu nehmen an Leib und Seele.

Als ich ihr - viel später - erzählte, nachdem sie wieder einmal ihre Abneigung gegen das Leben in der Kleinstadt in gewohnter Entschiedenheit zum Ausdruck gebracht hatte, der Dom von St. Stephan zu Passau sei begründeter Anlaß gewesen für die Errichtung des Gotteshauses, in dem wir uns befinden, sagte sie: »Nun ja, der Vater kann ja der Passauer Stephan gewesen sein, aber die Mutter ist die Stephanskirche in Wien.«

Dies ist einer der Gründe, weshalb wir gebeten haben, Familienmitglieder und Freunde möchten sich heute in dieser Kirche versammeln, um einer Mutter zu gedenken, die das Leben sehr wirklichkeitsnah beurteilte, sich selbst dabei nie ausnahm, zartfühlend war und von einer Leidensfähigkeit, welche den Frauen des alten Österreich als Gnade geschenkt worden ist. Nicht, daß sie frei gewesen wäre von Betrübnis, auch nicht von Pessimismus. Aber kein Leiden und kein Verhängnis - und sie hat vieles hinnehmen müssen - konnte ihren Willen zum Leben brechen.

Dieser Lebenswille nährte sich aus zwei Wurzeln. Die eine war das Bewußtsein, von den Menschen, die sie liebte und von denen sie wiedergeliebt wurde, gebraucht zu werden. Als sie in den letzten Jahren ihres Lebens kaum mehr lesen und nicht mehr schreiben konnte, hat sie halt gebetet - stundenlang, ohne Aufhebens. Schon als Kinder hatte sie uns immer gesagt: »Vertraut blind auf den lieben Gott, der macht es besser als wir alle.« Die zweite Wurzel ihres Willens zum Leben war die Sorge, sie müsse, trotz Krankheit und vielfacher Gebrechen, in dieser Welt möglichst lange ausharren, um ihren Kindern den Schmerz zu ersparen, den jene bei ihrem Tod empfinden würden. Wahrscheinlich zeigte sie deshalb noch bis zum letzten Augenblick ihres Bewußtseins die Würde, die dem Tode eigen ist, nicht erst, wenn er eintritt, sondern schon, wenn er herannaht. Als ihr Leben langsam erlosch, wurde sie immer mehr zu einem rührenden, fast kindlichen Wesen, das man liebhaben wollte, weil es offensichtlich war, daß sie noch fühlte, wenn man zu ihr sprach, ihre Hand hielt und die kleinen Hilfen mit Liebkosung verband.

So schließe ich - im Namen meines Bruders, unserer ganzen Familie und als ein Sohn, der sie unendlich liebte -diese kurze Erinnerung mit einem Dank an Gott für das Leben unserer Mutter, das siebenundachtzig Jahre und sieben Tage währte und von Liebe erfüllt war. Das Herz, das diese Liebe verschenkte, ist nun erloschen in dieser Welt. Ein neuer Stern aber ist aufgegangen am Himmel. Möge er das Licht der Liebe auf uns niederstrahlen, das er von Gott empfängt.