REINHARD   RAFFALT

- Leben und Werke -

Der Meister zwischen Kunst und Können,

Festrede zum 75jährigen Bestehen der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz

gehalten am 14. November 1975 in Passau

Etwa vor einem Vierteljahrhundert war ich in Hongkong Partner eines Zwiegesprächs, das mein Leben entscheidend beeinflussen sollte. Am Morgen hatte ich das Billett eines alten Chinesen erhalten, in zarten Tuschezeichen auf Reispapier gemalt und taktvoll versehen mit der Übersetzung. Darin stand zu lesen:
"Mein lieber Freund, ein Garten ist mein Eigen in den Bergen. Die Chrysanthemen blühen darin in vollem Glanz. Gern würde ich Sie als meinen Gast hier oben ehren, wenn die Bescheidenheit meines Tisches Sie nicht beleidigt. Und später könnten wir den Mond betrachten, wie er heraufkommt aus den Drachenbergen. Geben Sie dem Boten ein Wort mit für Ihren Sie erwartenden Freund Wu."
Ein solcher Brieftext klang damals schon wie die Botschaft aus einer versunkenen Welt. China war ein paar Jahre zuvor kommunistisch geworden und hatte aus dem sowjetischen Machtblock die Lehre von der psychologischen Gleichschaltung und deren Umsetzung in gelebte Disziplin wörtlich und fanatisch übernommen. Das alte, korrupte, hochkultivierte, machtlose und so überaus menschliche China lebte nur noch fort in kapitalistischen Bank- und Handelsleuten Südostasiens, im Inselstaat Formosa und in gespenstischen Figuren wie dem greisen Wu - man konnte sich ausrechnen, wann die Erinnerung an jene Vergangenheit in der Nacht des Vergessens verschwinden würde. Ich nahm die Einladung an und war gefaßt auf einen lyrischen Abend.

Als wir schließlich nach der Mahlzeit vom Chrysanthemen-Garten aus hinunterblickten auf die rostroten Segel der Dschunken, auf das jadegrüne Meer und die tausend Eilande und Buchten, hätte ich mich nicht gewundert, von meinem Gastfreund Worte der Klage und der Trauer zu vernehmen. Denn mußte er nicht darunter leiden, daß sein Land - wie es damals schien - die eigene, jahrtausendealte Tradition absichtsvoll in den Boden stampfte, um sich dem Mechanismus des westlichen Massenstaates bedingungslos anzupassen? Mußte der feinfühlige alte Mann nicht in Melancholie verfallen, wenn er beobachtete, wie in seinem Volk die Persönlichkeit willentlich ausgerottet wurde - während er selber noch als ersten Leitsatz des Lebens gelernt hatte, daß die Natur des Menschen gut sei? "Gut und schlecht" waren seit Menschengedenken die Wendemarken chinesischen Denkens gewesen - und nun standen plötzlich Abermillionen von Chinesen vor Herrn Wu und riefen ihm ins Gesicht: "Es gibt nicht ,gut und schlecht‘ - es gibt nur ,richtig und falsch‘!" Grund genug also für Wu - so meinte ich -, am Niedergang des chinesischen Wesens zu leiden. Das Gespräch nahm aber eine ganz andere Wendung.

Mein Gastgeber klagte nicht über China, sondern über uns Europäer. Wir brächten kein Verständnis auf für die Unterschiede zwischen unserem und dem chinesischen Denken, wir seien zwar oberflächlich bemüht, die Weltansicht der Chinesen für Europa erklärbar zu machen, es gebräche uns aber gänzlich an Respekt vor jenen besonderen Lebenseinsichten, die eben nur der geborene Chinese erwerben könne. Erfahrung habe gelehrt, daß auch der gebildetste Barbar außerstande sei, die Tiefe chinesischer Weisheit auszuloten - also solle er anstelle ungebührlichen Wissensdranges gebührende Ehrfurcht zeigen. Nur dann würden sich schmale Perspektiven öffnen auf gewisse karge Gemeinsamkeiten zwischen China und dem Rest der Welt.
Einen Augenblick lang war ich versucht, derart hochmütig klingendes Geplänkel einfach zu überhören, dann fühlte ich mich aber doch zu sehr herausgefordert und sagte: "Können Sie mir an einem Beispiel dartun, worin der Unterschied zwischen Ihrer und meiner Denkweise wirklich besteht?"
"Ja" sagte Wu, "ich kann."
"Wir beide" - so fuhr er fort - "haben es uns hier bequem gemacht, indem wir uns auf Stühle niederließen. Der Stuhl ist keine ausschließlich chinesische Erfindung, sondern ebensogut eine europäische. Also gehört er beiden Kulturkreisen an. Wie würden Sie als Europäer das Wesen eines Stuhles definieren?"
Ich druckste ein wenig herum, sprach von dem Zusammenhang zwischen dem Sitzmöbel und dem Körperbau, vergaß auch nicht das Gesetz der Schwerkraft und fügte ein paar Banalitäten an wie die Wechselwirkung zwischen einem Stuhl und dem Tisch beim Einnehmen einer Mahlzeit.
"Alles das", sagte Wu, "ist richtig - nur gehen wir Chinesen etwas weiter. Noch immer bestehen die meisten Stühle aus Holz, also können wir Holz als die bevorzugte Materie zur Herstellung des Möbels annehmen. Holz wird in Wäldern geschlagen, getriftet, in fachgerechte Stücke gesägt, dann geschieht alles, was Sie gesagt haben - von der Rücksicht auf die Schwerkraft bis zur Vorbedingung für die lebenserhaltende Nahrungsaufnahme. Der solcherart entstandene Stuhl bleibt aber trotzdem ein toter Gegenstand. Lebensvoll wird er erst, wenn ein Mensch nach der Mühe eines langen Marsches seine Müdigkeit der Sitzfläche anvertraut, seinen Rücken an der Lehne entspannt und so die Wohltat eines Stuhles körperlich erfährt, im Geiste erfaßt und in der Seele empfindet."
"Dann käme also das eigentliche Verdienst bei der Verfertigung eines Stuhles demjenigen zu, der die Wohltat des Ausruhens durch die Gestalt des Möbels am vollkommensten zur Wirkung bringt?"
"Ja", sagte Wu, "einen im Prinzip richtigen Stuhl kann jeder zusammenbasteln. Aber gut wird ein Stuhl nur dann sein, wenn er dem Menschen eine Wohltat ist."
"Gilt das auch für andere Bereiche des Lebens?"
"Für alle, vom Handwerk bis zur Philosophie. Der Zweck menschlichen Bemühens kann Gewinnstreben sein, oder staatliche Ordnung oder Sieg über den Feind. Der Sinn allen Handelns muß die Wohltat sein, die dem Menschen erwiesen wird. Deshalb trägt bei uns der Vater des geordneten Nachdenkens, Konfuzius, denselben Ehrennamen wie der Mann, der über einen kleinen Bach die Brücke wölbt, die den Dorfbewohnern eine halbe Meile Weges spart - und auch der Gärtner, der die Chrysanthemen durch sorgsame Pflege zur Freude unserer Augen werden läßt, wird mit dem gleichen Namen bedacht."
"Und wie heißt dieser Name?"
"Er hängt zusammen mit den verborgenen Wohltaten, die das Leben für uns bereithält. Wer auch nur eine solche Wohltat entdeckt und sie dem Menschen zuwendet, den nennen wir 'Meister'."

Dies ist eine besinnliche Geschichte. Aber - so könnten Sie alle jetzt fragen - hat ein chinesisches Vorstellungsbild vom "Meister" seinen Platz nicht eher zwischen Vergangenheit und Legende - während wir uns gezwungen sehen, eine kaum bewältigte Gegenwart zu verlassen und unsere ungelösten Lebensfragen mit den Rätseln der Zukunft zu füllen? Wir haben gelernt, wie schwer es ist, Meister zu werden - wo finden wir aber nun das Rezept, Meister zu sein und zu bleiben? Meine Antwort wäre: Es gibt in der menschlichen Natur gewisse Grundhaltungen, die von Zeitumständen und Zukunftssorgen unabhängig sind. Liebe, Familiensinn, Anständigkeit, Freundestreue gehören dazu - warum nicht auch der Ehrenname des Meisters, sofern er seinen Sinn aus der Verpflichtung zieht, den Menschen wohl zu tun?

Darauf könnten Sie - wahrhaftig nicht zu Unrecht - erwidern: Es fehlt uns nicht an gutem Willen; aber wir können der Fortschrittsgesellschaft keinen Sinn geben, solange sie selbst nur Zwecken dient. Niemals zuvor - verglichen mit heute - wurden die Mittel weniger durch den Sinn und mehr durch den Zweck geheiligt. Also müssen wir diesen Zweck kennen. Er heißt Gewinn, Komfort, Betriebsamkeit, Erfolg und Genuß. Wenn wir ein Produkt herstellen, das seinen Zweck erfüllt, wird der Käufer zufrieden sein. Wenn wir das gleiche Produkt so liebevoll dem Menschen anpassen, daß es ihm als Wohltat erscheint, wird es teuer sein, dem Luxus zugeschlagen werden und uns das Risiko überlassen. Also werden wir - selbst gegen bessere Einsicht - bei den Erzeugnissen unserer Arbeit Konsumbedürfnis und Gewinnspanne höher in Rechnung stellen müssen als den Sinn der Wohltat am Menschen, den jener alte Chinese mit dem Namen des Meisters verband. Denn auch bei uns ist es vordringlich geworden, erst einmal das Richtige zu tun und das Falsche zu meiden, bevor wir es uns leisten können, das Gute zu wählen und das Schlechte zu verwerfen. Ohne Frage: Wer so urteilt, kann stolz von sich sagen, er sei ein Realist. Ein Mensch der Tatsachen wird seinen Gewinn stets mit den Gefahren begründen, unter denen er ihn erworben hat.

Ein Meister ist jedoch mehr als nur ein Tatsachenmensch. Deshalb enden die Gefahren im Leben des Meisters nicht bei Unfall und Mängeln. Unfälle wären allenfalls vermeidbar durch größere Vorsicht, Mängel könnte man beheben durch tiefere Einsicht. Daß beides unterbleibt - damit muß der Meister rechnen. Schlimmer schon ist die in unserer Gesellschaft grassierende Gewohnheit, bei mißlichen Zufällen allzu leicht vom unverschuldeten Verhängnis zu reden. Ärger noch trifft den Meister die - vor allem von unseren Publikationsmitteln so gerne angewandte - Rechtfertigung menschlichen Versagens als liebenswerte Unvollkommenheit, entstanden aus dem Fehlen von Fürsorge und Betreuung. Auf die fatalste Weise aber setzt dem Meister zwischen Zweck und Wohltat der Kampf zu, den in unseren Tagen die vielen Schwachen gegen den einzelnen Starken entfesselt haben. Wenn jemand sagt: "Du bist glücklich, ich habe Pech", dann fragt er nicht nach dem Grund, sondern schiebt die anonyme Ungerechtigkeit des Lebens vor und schließt daraus: "Du bist stark, ich bin schwach, also bist du gezwungen, mir zu helfen. Denn nur, wenn du von deinem Überfluß abgibst, was mir fehlt, werden wir beide gleich - und das wird gerecht sein."

Durch diesen einfachen moralischen Trick erzeugt der Benachteiligte im Bevorzugten ein komplexes Gefühl der Unruhe. Ist es ein Unrecht, glücklich zu sein, so fragt sich der Starke: wird mein Erfolg, mein Besitz, werden die Früchte meiner Anstrengung zum Kainsmal auf meiner Stirn, auf das alle Elenden unter Berufung auf ihre Schuldlosigkeit deuten dürfen? Und schon erfolgt die Erforschung des immer schlechter werdenden Gewissens - der Starke hat ausgebeutet, hat sich genommen, was ihm nicht gehört, hat Geschäfte gemacht mit der Gutgläubigkeit des Sozialpartners, hat dessen Ahnungslosigkeit genährt durch den Entzug an Bildungsmöglichkeiten und mit Hilfe der "volksverdummenden" Kraft von Religionen. Da die Schwachen inzwischen eine politische Formierung angenommen haben, greift nun der Starke rasch und tief in seinen Beutel, um sich von den Sünden loszukaufen, die ihm vorgeworfen werden - er glaubt, Schweigen einzuhandeln, anstatt zu erkennen, wie tief mit seinen Geschenken das Eingeständnis der eigenen Schuld verflochten ist. Die Argumentation mußte dem Starken nicht davonlaufen. Er hat dem Bruder nicht die Hand gereicht, gut. Aber wo steht denn geschrieben, daß der Bruder die hilfreiche Hand überhaupt wollte, wenn er die eigene aufhielt, um zu empfangen? Wäre es nicht denkbar, daß die Schwachen etwas viel einfacheres wollen als Hilfe, nämlich Geld und nochmals Geld und schließlich erpreßtes Geld? Ist das schlechte Gewissen in den Starken erst einmal fest verankert, dann haben ja die Schwachen das bessere Leben in der Tasche, denn sie leisten nichts, weil ihre Kräfte angeblich nicht hinreichen, und sie ernten trotzdem, weil sie aus ihrer puren Existenz schon das Recht ableiten, beschenkt zu werden. Dazu ist notwendig, das Erhaltene sofort aufzuzehren, damit man alsbald mehr verlangen und den Prozeß in Schwung halten kann, indem man sorgfältig vermeidet, mit dem eigenen Talente zu wuchern. Von hier aus gesehen, erscheint die Position des Meisters in der Gesellschaft der Gegenwart äußerst kritisch. Er ist gegenüber seiner Lehrfamilie der Starke, gegenüber den Wirtschaftsballungen der Industrie aber gehört er zu den Schwachen. Seine Zwischenstellung wäre nur gefestigt, wenn Lebenshilfe in unserer Gesellschaft noch als bestimmender, vom Kalkül unberührter Faktor gelten würde. Dies trifft aber nicht zu. Denn wahre Lebenshilfe kann nur entstehen aus einer menschlichen Haltung, die über Moral und Ethos bis in die Sphäre des Religiösen hinaufreicht und den Namen "Nächstenliebe" trägt. Das Wort wird heute so oft mißbraucht, daß man aus dem Schaudern kaum mehr herauskommt. Richtig verstandene Nächstenliebe ist nicht der Angstkauf des Wohlverhaltens beim Sozialpartner, ebensowenig aber die Freigabe alles Erworbenen im Angesicht nachbarlicher Bedürftigkeit; denn sonst stünde geschrieben: "Liebe deinen Nächsten" - Punkt. Es steht aber geschrieben: "Liebe deinen Nächsten - wie dich selbst." Das heißt: Niemand kann mehr geben, als er hat. Und niemand hat das Recht, mehr zu fordern, als er braucht.

Ist es angesichts des weltweit verbogenen Sozialzustandes dem Meister wirklich noch zumutbar, zuerst an den Sinn und dann an den Zweck seiner Arbeit zu denken? Kann er überhaupt noch die Kraft entwickeln, seine Schüler und Lehrlinge zu überzeugen, daß das Gute wichtiger ist als das Richtige und das Schlechte verderblicher als das Falsche? Die Gegenbeispiele kommen frei Haus. Man braucht nur an die Veränderungen in der Gestalt der Welt während der letzten dreißig Jahre zu denken: Hat sich das menschliche Leben auf dem Erdball nicht hauptsächlich und entscheidend durch das schlechte Gewissen geändert, das der Block des Elends in den Leistungsblöcken der Menschheit zu erzeugen wußte? Das Tarnwort hieß und heißt noch heute "Entwicklungshilfe", zum Teil schamlos mißbraucht zu politischen Manövern, fast immer gekoppelt mit künstlich verlängerter Verrottung und Tyrannei - aber nicht auf der Seite der Gebenden, sondern im Lager der Empfängerstaaten. Was im Großen geschieht, braucht im Kleinen nicht zu unterbleiben. Zufälle, Mängel und schlechtes Gewissen, solchergestalt durcheinandergerührt, ergeben keinen Organismus, sondern ein Chaos. Seine zerstörende Kraft offenbart sich um so erschreckender, je überschaubarer der Lebensraum ist, den es befällt.

Wir alle haben tausendfach gespürt und spüren es noch, wie dieses chaotische Lebensklima unser Dasein ergreift, unseren Alltag verunsichert, unsere Lebenserwartung mit Sorgen erfüllt. Aber nur sehr langsam haben wir gelernt, dem Fortschritt nicht mehr ganz so blind zu vertrauen, wie in jenen ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als es noch als Todsünde galt, Fortschritt und Glück für zwei verschiedene Dinge zu halten. In uns allen ist das Bedürfnis nach Sachlichkeit angestiegen, nach Vorsorge und Sicherheit. Das Pflänzchen der Menschlichkeit schiebt wieder blasse Wurzeln vor - sogar auf den zementierten Sprach-, Denk- und Wohlstandsmodellen, hinter denen die Menschheit Erholung von sich selber zu finden hofft. Sachlichkeit zu suchen, Vorsorge zu treffen und Sicherheit zu schaffen - dazu haben wir wahrlich allen Grund. Täglich sehen wir uns umbrandet von Informationen, die geprüft sein wollen. Ist ihr Wahrheitskern wirklich echt, ihr Nutzen tatsächlich verwertbar - oder beeinflussen sie unser Urteil in schadenbringender Absicht und außerhalb unserer Kontrolle? Stündlich muß jeder von uns einen beträchtlichen Teil seiner Energie auf den Widerstand verwenden, den es heute kostet, ein Bürger zu bleiben - ein Bürger, der, auch wenn er irrt, das Recht für sich in Anspruch nehmen kann, wenigstens in Freiheit zu irren. Immerfort müssen wir uns als Bürger zur Wehr setzen gegen die große Wirtschaftsmaschinerie, industrielle Gesellschaft genannt, damit wir nicht auf dem Schrotthaufen der Unbrauchbarkeit enden, nur weil wir zu wenig fügsam sind. Die Stärke des Bürgers liegt in seinem Bewußtsein als Person. Der Schwache dagegen, der seine Kraftlosigkeit als Druckmittel einsetzen will, wird es bald höchst angenehm empfinden, im Sog der Masse aufzugehen und von ihr aus der Verantwortung für ein selbstgestaltetes Leben entlassen zu werden. Wessen aber muß der Meister gewärtig sein, der nicht nur seinem eigenen Leben Ausdruck und Form verleiht, sondern auch - wie kein anderer Stand - als Gestalter in das Leben jener eingreift, für die er freiwillig Verantwortung übernommen hat? Das Verhältnis von Meister und Lernendem ist nicht eine Frage, die durch den Tarifvertrag ihre Antwort findet, sondern der Schauplatz eines wechselweise wirkenden Vertrauens. Der Jüngere vertraut der Anleitung, dem Wort und dem Ratschlag des Älteren, dieser gibt das Vertrauen zurück durch den uneingeschränkten Glauben an die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit des einstweilen noch abhängigen Schülers. Damit wären Stärke und Schwäche ausgeglichen, indem der eine aufnimmt, was der andere abgibt. Indessen muß der Meister zu dem ganzen Erziehungsprozeß der Lernenden hinzu noch ein ganz anderes Vertrauen aufbringen - das Vertrauen in den eigenen Lebensweg, den Optimismus, unter keinen Umständen zu scheitern, und den Mut zum Schutze der Seinen.

Woher den Seinen die größte Gefahr droht, haben wir soeben berührt: von der Masse und ihrem Sog. Wenn der Meister die selbstgeschaffene Lehr- und Lernfamilie zusammenhalten und seinem Ehrennamen gerecht werden will, dann muß er der Vermassung steuern. Denn die Masse ist der Moloch, der die Familie verschlingt und so lange zerkleinert, bis ein Stoff daraus wird, der zu jedem Mißbrauch geknetet werden kann. Diese Entwicklung zu unterbinden macht den Meister im Widerstand gegen die Masse unter den unbequemen Zeitgenossen zum unbequemsten. Denn er wird zu einer Art Schutzherr der Persönlichkeit und somit zu einem der nobelsten Träger der Gesittung in der Gesellschaft. Der Meister garantiert durch seine gesamte Existenz, daß dem einzelnen Menschen sein Wert nicht geraubt werden darf.

Aber reicht des Meisters Lebensmut unter heutigen Bedingungen noch aus, weiter daran festzuhalten, er werde diese seine gesellschaftstragende Existenz auch in Zukunft auf einer soliden Grundlage aufbauen können? Um sich blickend sieht er sich, wie wir alle, umgeben von offensichtlichen Rechtsbeugungen - und auch diese wiederum sind im Kleinen wie im Großen gleich verheerend. Natürlich gibt es heute zum Beispiel die Charta der Menschenrechte. Sie ist vielfach und feierlich beschworen, fast jeder internationale Vertrag beruft sich auf sie. Aber zugleich weist fast jeder auf die Menschenrechte gegründete Vertrag ein düsteres Hintertürchen auf, das nicht zu den Menschenrechten, sondern zuweilen sogar bis zum Menschenhandel führt. Damit werden Verträge vergleichbar mit einem gegebenen Wort, das man nicht zurücknimmt, sondern kommentarlos mißachtet. Und bricht man Verträge, kaum geschlossen, so bricht man über die Zukunft den Stab - und man bricht der Hoffnung das Kreuz. Wo bleibt da die solide Grundlage für die verantwortungsvoll gestaltete Zukunft der Persönlichkeit, wenn jeder recht behalten will, um nicht bereuen zu müssen, wenn jeder zähneknirschend zahlt, weil er keinesfalls gewillt ist, einen Fehler zu sühnen? Nicht nur in seiner Gesamtgestalt' auch im Leben des einzelnen zerfällt das Zeitalter in seine Extreme.

Es möge Ihnen, die Sie von nun an Ihrem Namen den Titel "Meister" beifügen, von guter Vorbedeutung sein, daß Sie den heutigen Tag auf einem Boden begehen, der einstmals dem Römischen Reich zugehörte - und damit einer Hochkultur, die ebenso wie das alte China den Begriff des Meisters in seiner ganzen Breite erfaßte, vom Philosophen bis zum Bergmann, vom Bogenschützen bis zum Priester. Unter den zahllosen geflügelten Worten, die man damals gebrauchte, sind uns manche Lebensweisheiten aus dem Bereich des Handwerks erhalten. Eine davon lautet: "Est modus matulae", das will sagen: "Ein Kessel kann nicht mehr fassen, als sein Maß erlaubt."

Eine Binsenwahrheit, jedem Kinde erkennbar - zugegeben. Doch steckt hinter einer solchen auf einfachsten Nenner gebrachten Formulierung die ganze komplexe Haltung der Antike gegenüber dem Leben. Man predigt uns heute so viel vom Maßhalten. Der Kessel der Römer ist aber für Maßhalten nicht das rechte Beispiel. Der Antike ging es auch nicht um das Maß-Finden, also nicht um das Ausprobieren der Quantität, die der Kessel gerade noch an Belastung verträgt. Der römische Kessel ist vielmehr ein Beispiel für das Maß-Wissen, also für die Begrenzung, die der Kessel seinem Inhalt auferlegt, damit kein Schaden entsteht. Die Vermeidung von Schaden, erzeugt durch den Respekt vor dem Maß - es gibt keine bündigere Formel für das, was wir unter Sicherheit verstehen.

Daß die Sicherheit im Maß verborgen ist, wird uns auch durch eine Sage vor Augen gestellt, die man sich im antiken Passau bestimmt oftmals erzählt hat, weil sie längst zum Gemeingut der im Römischen Reich lebenden Menschen geworden war. Diese Legende beschäftigt sich mit einem der Urträume des Menschengeschlechtes - mit der Kunst des Fliegens. Da habe es in grauer Vorzeit den genialen Ingenieur Daedalus und seinen Sohn Ikarus gegeben. Um der Böswilligkeit eines tyrannischen Inselkönigs zu entfliehen, sei Daedalus auf die Idee verfallen, für sich und seinen Sohn aus Federn und Wachs zwei Flugapparate zu bauen. Bevor die beiden die Flucht durch die Luft wagten, erhielt der Sohn vom Vater sehr genaue Instruktionen für das Verhalten während des Fluges. Er möge darauf achten, nicht zu sehr in Sonnennähe zu geraten, damit das Wachs zwischen den Federn nicht schmelze; er möge aber auch nicht zu tief über der Erde fliegen, um nicht von deren Wasserdunst niedergezogen zu werden. "Am sichersten"' so sagte Daedalus und sprach damit eine Weltweisheit aus, "am sichersten wirst du gehen, wenn du dich in der Mitte hältst."

So wirkten im Denken der Antike zwei Faktoren zusammen, um das rechte Maß zu finden, in dem wiederum man das verläßlichste Mittel der Verteidigung gegenüber den Wechselfällen des Geschickes gesehen hat. Der eine Faktor ist die Vorsicht bei Belastungen, der andere die Abstandsgleichheit von Extremen. Die Extreme, so hatte man schon in der antiken Physik erkannt, erzeugen Reibung. Je weniger die Gegensätze voneinander entfernt sind, um so geringer wird die durch Reibung verursachte Erschütterung. In der Mitte herrscht Ruhe. Der Dichter Horaz hat uns eine Satire über die Unzufriedenheit der Menschen mit ihrem Lose hinterlassen. Darin erkennt er als Weisheitsschluß, es sei allen Dingen bestimmt, das ihnen gemäße Maß in sich zu tragen, scharf begrenzt zu sein und ihre Bestimmung zu verlieren, wenn diese Begrenzung durchbrochen werde. Das gleiche behauptete vier Jahrhunderte vor Christus der Philosoph Aristoteles vom sittlichen Verhalten des Menschen. Zwischen Habgier und Verschwendung findet er in der Mitte die Tugend des ruhigen Besitzes von allem, was zum Leben nötig ist. Der Mensch kann feige sein oder tollkühn - die Tugend dazwischen ist der erlesene Genuß in mäßiger Quantität. Schließlich steht es einem Menschen frei, dein Leben gegenüber gleichgültig zu sein oder eine Idee mit Fanatismus zu vertreten. Am besten wird jener fahren, der Sachlichkeit liebt. Natürlich waren das alles nur Leitsätze, die - auf den einzelnen angewandt - gewisse persönliche Ausformungen zulassen mußten. Die jeweilige Seelenlage, die Festigkeit oder Labilität des Charakters, körperliche Widerstandskraft oder Anfälligkeit sollten einen Spielraum erhalten, der genau das bewirkte, was der Meister im Sinne des Handwerks und der Lehr- und Lerngemeinschaft bis heute verteidigt: die freie Entfaltung der Persönlichkeit, das Reifen des Individuums. Eine solche Mischung aus Einsicht und Erfahrungen hat in der europäischen Kultur - und damit auch auf unserem Boden - Jahrtausende überdauert. Noch Goethe, von dem uns keine zwei Jahrhunderte trennen, begriff als das Ideal menschlicher Lebensform, in jedem Zustand das wahrhaft Passende zu finden. Der Volksmund sprach bis in unsere Tage herein die gleiche Wahrheit aus in der Formel vom Deckel, der auf den Topf paßt. "Das wahrhaft Passende in jedem Zustandcc will sagen: das rechte Werkzeug, richtig gebraucht, vom wohlmeinenden Sinn gelenkt, auf alle Situationen des Lebens angewendet, wird zur Garantie für die Qualität durch das Maß. Im Inneren des Problems das rechte Maß zu finden ist - wenn die Extreme auseinanderklaffen - die einzige Tat, die Sicherheit bringt.

Hier ist nun, so glaube ich, in unserer Betrachtung der Punkt erreicht, an dem wir von der Position des Meisters aus die Frage nach Kunst und Können stellen sollten. Es gibt von Michelangelo ein berühmtes Sonett, in dessen Versen der Künstler die gewohnte Scheu seines Charakters überwindet und das Geheimnis offenlegt, welches seinen Schaffensprozeß bestimmt. Michelangelo beschreibt einen Marmorblock, der unbehauen und roh aus den Brüchen von Carrara zu ihm nach Rom gelangt ist. Er bekennt, zunächst noch gar nicht zu wissen, welche Verwendung, welchen Sinngehalt, welche Gestalt das ungeheuere Stück Materie durch seinen Meißel finden wurde. Und plötzlich sieht er unter der rissigen Oberfläche schon die Konturen des gewaltigen Leibes, den er aus dem Stein befreien wird. Michelangelo spricht also von der Entfernung überflüssiger Materie als seiner Aufgabe bei der Erweckung eines Kunstwerks. Das ganze Risiko trägt der Künstler allein, denn ein einziger Hammerschlag zuviel dränge schon in die Haut ein, durch die das noch leblos schlafende Wesen zu atmen beginnt. Angesichts eines solchen Bekenntnisses haben wir uns zu fragen, ob da noch Handwerk im Spiele sei.

Antwort: Sofern es um die Technik geht, ja; der Befreiungsprozeß dagegen reicht über das Handwerk hinaus, denn er gehört zu den Extremen menschlicher Erfahrung. Handwerk aber im vollen Wahrheitsgehalt des Wortes ist niemals extrem.

Als zu Anfang des 16. Jahrhunderts der Nürnberger Mechaniker Peter Henlein sein erstes sogenanntes "Nürnberger Ei" und damit die von der Unruh vorangetriebene Taschenuhr erfand, ging er von der umgekehrten Voraussetzung aus wie Michelangelo. Er befreite nicht, er fing ein. Michelangelo hatte aus der toten Materie die Gestalt befreit, Henlein schuf einen meßbaren Kleinschauplatz für das am wenigsten materielle Element des menschlichen Lebens, die Zeit. Beide Geister waren tief verwandt und verhielten sich auf gleiche Weise: sie nahmen ein Risiko auf sich, das extrem war. Der eine suchte es in der Verborgenheit des edlen, aber rohen Erzeugnisses der Natur, der andere in der Bewegung des Lebenskosmos von Sonne, Mond und Sternen. Beide haben nicht maßgerecht gehandelt, sondern das in den Dingen verborgene Maß gefunden, das heißt - die Voraussetzung für das Handwerk geschaffen. Beide Meister hatten zahllose Schüler, aber keine Schulen. Sie blieben als die großen Initiatoren einsame Genies - die Schüler lernten aus ihren Werken, nicht von ihrer Person. Handwerk dagegen ist untrennbar verbunden mit der Weitergabe von Erfahrungen und Kenntnissen im Gesamtzusammenhang eines Erziehungsprozesses von höchster menschlicher Bedeutung. Wenn man dieses integrierende Element menschlicher Gemeinschaftsbildung recht bedenkt, so leuchtet einmal mehr ein, daß das Handwerk die Mitte zwischen den Extremen sucht, den Ort der immer geringeren Reibung zwischen den Gegensätzen, schließlich die Mitte der Mitte, den Mann der Ruhe, den Meister.

Von daher wird wohl auch verständlich, was uns eingangs beschäftigte -, daß nicht die Vollkommenheit des Produkts, nicht der rein erfüllte Zweck, nicht die Geschicklichkeit der Hand den Meister als solchen kennzeichnen, sondern der Wille, mit dem Werk seiner Arbeit den Menschen wohltätig zu sein. Und wenn wir die Abwesenheit alles Übertriebenen, den Widerwillen vor dem Fanatismus, den Abscheu vor dem reinen Gewinnstreben mit hinzurechnen, dann kehrt sich der Blickwinkel unserer Betrachtung noch einmal um: Es ist der Meister zwischen Kunst und Können, der allein das Auftreten des Genies ermöglicht. Deshalb hat man in früheren Jahrtausenden dem Meister magische Kräfte zugeschrieben. Die Figurenkarten des Tarockspiels verlangten eine meisterliche Hand, um in einem Wurf auf dem Tisch eine Konstellation auszubreiten, aus der die Zukunft vorhersagbar wurde. Der Meister, nicht das Genie, hat den Stein der Weisen besessen, von dem ein winziges Stäubchen genügt haben soll, um aus Metallen Materie zu erzeugen, die in der Natur nicht vorkam. Noch in Goethes Zauberlehrling herrscht der Meister über den toten Gegenstand, befiehlt ihm sein Verhalten, beseelt ihn mit Geist - und ist doch niemals der Herr der Materie. Ebensowenig ist er der Herr seines Schülers, ebensowenig der Gesetzgeber seines Gesellen - und schon gar nicht der Richter über das sittliche Verhalten der Gesellschaft. Wenn es dennoch nicht ohne den Meister geht, nicht einmal in der industriellen Welt von heute und morgen, dann verdanken wir es der Tugend des Maßes, die der Meister verkörpern muß, wenn er seinen Ehrennamen nicht als bloßen Titel verstehen will. Es möge Ihnen allen, die Sie heute zu Meistern werden, auf den Bahnen Ihres Lebens zum Troste gereichen, daß in allen Dingen dieser Welt das Maß verborgen liegt, das aufzufinden Sie gerufen sind.

Worauf immer das Auge im Drange der menschlichen Erkenntnis sich richtet, wohin der Geist in der Passion des Forschungswillens sich auch wendet -, in Natur, Gesellschaft, Kunst und Religion wird offenbar, daß das menschliche Wesen durch die Nacht zum Lichte, durch das Chaos zur Ordnung strebt. Ordnung aber ist jene letzte Qualität der Welt, aus der als reinstes Gesetz das Maß hervorgeht, um das wahrhaft Passende in jedem Zustand herauszufinden. Dies ist nur möglich durch den der Ordnung zugewandten Willen des Menschen, der sich verkörpert in der Person des Meisters. Nicht umsonst haben tiefer glaubende Zeiten als die unsere den Vater-Gott als den erhabensten aller Meister dargestellt, als Baumeister des Weltgebäudes' der dem Universum seinen Sinn verleiht, es am Leben erhält und einer Ordnung unterwirft, in der auch nicht ein Blatt vom Baume fällt und nicht ein Haar von unserem Haupt, ohne daß er es will. Alle Meister der Welt sind seine Schüler, denn zwischen dem Genie und der Materie bilden sie den festen Punkt außerhalb allen Getriebes - Quelle und Ziel aller bewegenden Energie. So wird auch die Zukunft - mag sie sich noch so drohend entschleiern - des Meisters nicht entbehren können, gleichviel, wie weitgespannt oder begrenzt sie sein Wirken versteht. Mit Sicherheit wird auch das heraufziehende neue Zeitalter, ungeachtet aller Wertänderung, von den Meistern gefragt werden:

Was erwartet die Welt von uns? Und die Antwort wird sein: Die Ruhe im Werk, die Festigkeit im Handeln und die Wohltat zwischen Kunst und Können.