REINHARD   RAFFALT

- Europa und der goldene Meilenstein -

entnommen aus Schriftenreihe der Liga Europa, 1973

Der Name Europa, so fand ich in einem alten Lexikon, leitet sich her von dem Worte "Ereb" - und dieses ist semitisch. Es stimmt nachdenklich, am Ursprung des Namens, um den heute mit zitternder Hoffnung gerungen wird, den geheimnisvollen Stamm des Sem zu entdecken, dem Juden und Araber gleicherweise entstammen.
"Ereb" hieß im Semitischen "der Westen, der Sonnenuntergang, der Abend". Selbst die vielgeschmähte Bezeichnung "Abendland" - Okzident - ist im Ursinn also vom Orient her gesehen. Später verdichtete sich der Begriff zu einer mythologischen Gestalt - der Europa.
Von ihr wird erzählt, sie sei die Tochter des Agenor gewesen, des Königs von Tyros und Sidon an der palästinensischen Küste. Als Stammvater der Phönizier trug Agenor auch den Namen "Phönix" - und aus dem Namen "Phönix" wiederum entstand eine der faszinierendsten Mythen der orientalischen Antike.
Unter "Phönix" wurde nämlich nicht nur der Angehörige des phönizischen Volkes verstanden, das bis Finnland hinauf Handel trieb und ein Genie wie Hannibal hervorgebracht hat - Phönix war auch der Name für jenen sagenhaften Vogel, der alle fünfhundert Jahre nach der Sonnenstadt Heliopolis in Ägypten fliegt, sich dort im Feuer des Opferaltares selbst verbrennt und aus seiner eigenen Asche verjüngt wieder emporsteigt. Ein uraltes Symbol der Unsterblichkeit also, das in die christlichen Mosaiken der späten Antike vielfach Eingang gefunden hat - als Zeichen für die zur Unsterblichkeit geläuterte Seele des Menschen. Der Vater Europas trägt den Namen Phönix, der zugleich ein Begriff ist für den Glauben, daß der Mensch über sein Erdendasein hinauslebt.

Eines Tages spielt die reizende Europa am weißen Strand des östlichen Mittelmeeres. Da nähert sich ihr, während die Gefährtinnen fliehen, ein königlicher Stier. Sie kann der Versuchung nicht widerstehen, das wunderbare Tier zu besteigen, das sich alsbald in die Luft erhebt.
Das Land, worauf die beiden sich schließlich niedersenken, ist die Insel Kreta. Als der Stier die Europa entführte, war er noch eine Gottheit aus Kleinasien, als er aber auf Kreta niederging, hatte er sich verwandelt - in den Vater der Götter und Menschen, Zeus, der auf dem Jda, dem höchsten Berg Kretas, geboren war. Der Gott aus dem Reiche des Sonnenuntergangs hatte seine Geliebte aus dem Orient geholt.
Dem Zeus gebar Europa mehrere Söhne, darunter den Minos, den sagenhaften König von Kreta. Seiner Tochter - Europas Enkelin Ariadne - war es vorbestimmt, auf der Insel Naxos eines Nachts im tiefen Schlaf von einem Gott überrascht zu werden - von Dionysos, dem Gott des Rausches und der Ekstase. Im Triumph aus Indien zurückkehrend, entdeckte Dionysos das schöne schlafende Mädchen, erweckte Adriadne, nahm sie mit in den Olymp, kredenzte ihr Nektar und Ambrosia und machte sie unsterblich.
Die zahllosen Darstellungen der schlafenden Ariadne aus der Antike bedeuten nichts anderes als die im Schlaf der Zeitlichkeit befangene Seele, die darauf wartet, von einem Gott erweckt und zur Unsterblichkeit geführt zu werden.

Das alles mag uns heute wenig sagen, da Europa mit der Schwierigkeit ringt, aus einem wirtschaftlichen zu einem politischen Dasein zu gelangen.
Doch kann man - in einem Augenblick der Besinnung - immerhin an der Tatsache festhalten, daß jene ferne orientalische Schönheit namens Europa umgeben war von Gestalten und Ereignissen, die mit der Unsterblichkeit zu tun haben.
Unsterblichkeit aber war für die Antike ein eindeutiger Begriff. Nicht die Unsterblichkeit des Lebens schlechthin, auch nicht die der Menschheit im Ganzen war gemeint, sondern ausschließlich das über den Tod hinausreichende persönliche Leben des Individuums. Weder die orphischen Mysterien, noch der Dionysos-Kult, noch Mithras und Baal erstrebten das Eintauchen der individuellen Seele in eine kollektive Lebensewigkeit. Vielmehr verhießen sie ausdrücklich das geläuterte Fortleben des einzelnen Menschen nach dem Wegfall körperlicher Eingrenzung in einer geistigen Existenz.
Die mythische Gestalt Europas ist verbunden mit einer Vorstellung von persönlicher Unsterblichkeit, die ihrerseits gekettet ist an das Individuum. Die Idee Europas aber entsteht von Anfang an aus einer Kommunikation zwischen Okzident und Orient. Beide Grundtatsachen haben sich einmal in der Geschichte zu einer Gestalt von großer politischer, wirtschaftlicher und religiöser Tragfähigkeit vereinigt, die uns heute noch zu schaffen macht. Sie trägt den Namen: Imperium Romanum.

Dem aufmerksamen Besucher des Forum Romanum werden schwerlich ein paar Marmorfragmente entgehen, die unterhalb des Saturntempels gelagert und mit der Aufschrift versehen sind: "miliarium aureum". Es handelt sich um die Trümmer der Rundbasis, auf die der Kaiser Augustus den berühmten Meilenstein Null setzen ließ, den konkreten Mittelpunkt des Reiches, von dem aus alle römischen Straßen gemessen wurden - bis nach Schottland und nach Persien.
Die Nachbarschaft des Saturntempels war dabei mit Absicht gewählt, denn die "saturnia regia", die Vergil dem Augustus prophezeit, die Zeiten der Friedensherrschaft, waren damals nicht eine Utopie, sondern ein Programm. Dieses ging von der These aus, der Staat sei die "res publica", also der überragende Gegenstand des öffentlichen Interesses.
Öffentlichkeit war aber nicht eine Frage der Zusammengehörigkeit, sondern des Zusammenlebens. Folglich war die eigentliche konsolidierende Klammer, die die Menschen innerhalb des Staates umfaßte, nicht die Gleichheit des Volkstums, der Rasse oder der Sprache, sondern der Schutz des einzelnen Menschen durch das Recht. Das Recht, das dem Individuum das ihm Gebührende zuerkennt, war allgemein und durchaus übernational. Es ist zwar nicht am Beispiel nachzuweisen, aber theoretisch denkbar, daß ein Mensch zur Zeit Christi einen Zvilprozeß in Alexandria begann und in Sevilla zu Ende führte.

Dieses majestätische Rechtssystem erzwang von den Bürgern des römischen Reiches einen Respekt vor der Einzelpersönlichkeit, der - aus heutiger Perspektive betrachtet - zu absurden Sachverhalten führen konnte.
Die Rechtslage des Apostels Petrus ist dafür ein Beispiel. Nach römischer Auffassung hatte jeder aus dem Leben geschiedene Mensch nicht nur den Anspruch, sondern das Recht auf sein Grab. Nicht die Familie, der Tote selber war der Besitzer des Stückchens Erde, worin er bestattet war. Petrus wurde bekanntlich als Hochverräter hingerichtet. Da mit dem Vollzug der Strafe sein Verbrechen gesühnt war, trat er als Toter wieder in den Vollbesitz seiner Rechte ein und konnte auf einem öffentlichen Friedhof inmitten unbescholtener Bürger begraben werden. Es war also das Individuum, der Einzelmensch als solcher, der den Schutz des Rechtes genoß. Nur in einem Staat, der nicht viele Völker, sondern die Menschen vieler Völker unter einem Recht vereinte, war es möglich, jenes dauerhafte Netz von Straßen zu bauen, das vom Meilenstein Null seinen Ausgang nahm.

Obwohl diese Straßen nach strategischen Prinzipien angelegt waren, fanden sie ihren Sinn nicht in der militärischen Beherrschung des Gesamtgebietes, sondern in seiner Durchdringung mit geistigen und materiellen Gütern aus anderen Zonen desselben Staates. Auf diesen Straßen wanderte die Kirsche, die der genußfreudige Lucullus aus Kleinasien mitgebracht hatte, nach Norden, drang der Kult des persischen Lichtheros Mithras an den Rhein, geriet die Badekultur samt Zentralheizung nach England, etablierte sich das Bank- und Investierungswesen in Spanien. Auch boten die römischen Straßen die Möglichkeit sehr rascher Nachrichten-Übermittlung durch eine über alle regionalen Grenzen hinweg einheitlich funktionierende Post. Schließlich steigerten die Straßen Roms das Gelüst des neugierigen Zeitgenossen, auf bequeme Art zu reisen, wobei nicht einmal die Sprache Schwierigkeiten machte.
Wer im Westen Lateinisch und im Osten Griechisch sprach, konnte sicher sein, nicht nur überall verstanden, sondern als Mensch mit Freundlichkeit aufgenommen zu werden. Beherrschte der Reisende nur Latein, so ging es auch noch an, denn Roms Sprache war bei allen Behörden verbindlich, kein Notar durfte eine Urkunde, kein Richter ein Urteil, kein Offizier einen Befehl, kein Bankier einen Kreditbrief anders ausstellen als in Latein. Heute noch sprechen Italien, Rumänien, Frankreich, Spanien, Portugal und Lateinamerika eine Mundart der Sprache Roms und selbst das Englische würde als Sprache zu existieren aufhören, wollte man das lateinische Element daraus entfernen.
Keines dieser Völker hat durch die Übernahme des Latein als lingua franca die natürliche Eigenständigkeit gänzlich preisgeben müssen - denn infolge seiner komplizierten Organisation sah sich der Staat gezwungen, ein Höchstmaß an Toleranz zu üben. Nur eines mußte vermieden und notfalls bekämpft werden: jenes verhängnisvolle Bewußtsein, das wir heute mit dem Begriff "Nationalismus" bezeichnen.
Das Gemeinschaftsgefühl des Imperium Romanum war übernational. Sein Kriterium war nicht das Urteil von besser und schlechter im Vergleich des eigenen Volkes mit anderen, sondern die Unterscheidung zwischen der Welt der Gesittung und dem Chaos der Barbarei.

Kehren wir noch einmal zu den Straßen Roms zurück. Sie waren nicht nur sicher, solide, bequem und kommunikativ - sie waren auch fromm. Nach antiker Auffassung hatten die Verstorbenen ein Anrecht, dort bestattet zu werden, wo das Leben am farbigsten pulsierte. So entstanden längs den großen Consularstraßen ganze Fluchten von Grabhäusern, in denen die römischen Familien ihre Vorfahren versammelten. An Feiertagen pflegten sich die Nachkommen in den Höfen dieser Grabhäuser zum Picknick niederzulassen - und das Geschrei nicht zu bändigender Kinder, verbunden mit dem Lärm vorbeiziehender Wagen und dem Marschtritt der Kohorten garantierte den Abgeschiedenen ein Höchstmaß von Teilhabe am Leben der Welt, die sie verlassen hatten. Doch nicht nur von Häusern der Toten wurden die Straßen gesäumt, auch von Denkmälern des Ruhmes. Wenn irgendwann in der Vorzeit durch römische Waffen ein Sieg erkämpft worden war, errichtete der Feldherr an der nächstgelegenen Straße ein Tropeion, ein Siegesmal, das späteren Generationen die Dauerhaftigkeit des römischen Gedankens vor Augen führen sollte.

Indessen war, was dem römischen Gedanken Dauer verlieh, nicht der Sieg der Waffen. Rom eroberte Griechenland.
Gleichzeitig aber nahm es willig hin, daß die griechische Kultur Italien besiegte.
Rom bemächtigte sich Ägyptens. Gleichzeitig aber nahm es Weisheit und Mysterien des alten Nillandes gierig auf.
Rom unterwarf den Orient. Gleichzeitig aber übernahm es dessen Auffassung von der Heiligen Herrschaft, der Hierarchie, die erst in unseren Tagen durch die Demokratisierung der katholischen Kirche ihren letzten Tod stirbt.
Selbst als die barbarischen Völker des Nordens in das römische Reich einfielen und es zerstörten, war die griechisch-römische Kultur noch zum Gegenschlag fähig - durch die unmeßbare Erziehungsleistung der Söhne des Heiligen Benedikt, deren Gäste zu sein wir heute die Ehre haben.
Das römische Prinzip war immer ein Vorgang der Integration, des Verschmelzens von Gegensätzen zu höherer Form, Klarheit und Harmonie. Weder im heidnischen noch im christlichen Rom aber wäre dieses Prinzip anwendbar gewesen ohne den Grundfaktor der Frömmigkeit.
Der Meilenstein Null war aus Gold, denn Gold ist das heilige Metall schlechthin. Und heilig mußte der Punkt sein, der den phantastischen Wanderungen von Ideen und Gütern zwischen so vielen Völkern nach Geist, Maß und Zahl die Mitte war.

Man hat sich heute vielfach daran gewöhnt, Heiligkeit mit Magie zu verwechseln und deshalb zu verwerfen. Ebenso sehr ist man geneigt, Frömmigkeit nur noch innerhalb des Bekenntnisses zu dulden und selbst dort für verdächtig zu halten.
Der fromme Heide ist ein kaum mehr nachvollziehbarer Begriff. Der fromme Christ steht im Geruch der Bigotterie. Frömmigkeit als eine conditio sine qua non der menschlichen Natur - wie leicht wird das heute abgetan als die Erfindung von dunklen, gegen die Freiheit verschworene Priesterschaften, gleichviel ob heidnischer oder christlicher Herkunft. Das römische Reich dagegen war auf das Recht gegründet, und dieses war heilig. Sein höchstes Verdienst war die Verteidigung des Individuums, und dieses war fromm. Beide Faktoren waren notwendig, um einen Vielvölker-Staat solchen Ausmaßes am Leben zu erhalten und ihm einen Frieden zu geben, der nicht auf der politischer Übereinkunft nationaler Gemeinschaften, sondern auf des grundsätzlichen Übereinstimmung seiner einzelnen Bürger gegründet war. Das Wort des Evangeliums: "Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind" wurde in der Antike nicht als Gegensatz zu den Prinzipien des Staates empfunden.

Niemand wird ernsthaft behaupten, der europäische Gedanke, wie wir ihn heute kennen, sei im römischen Reich verwirklicht worden. Europa war damals kein geographischer, sondern ein mythischer Begriff, verdichtet zu jener reizvollen Dame, die auf dem Stier von Asien nach Kreta gelangte. Die Wegstrecke allein beweist, daß Europa - von damals her gesehen - nicht ohne die anrainenden Völker des Mittelmeeres hätte gedacht werden können - und dies ist uns mittlerweile ein durchaus fremdes Vorstellungsbild geworden.

Die afrikanischen und orientalischen Provinzen des alten römischen Reiches zu Europa zu zählen und das Mittelmeer als ein europäisches Binnenmeer zu sehen - dieser Gedanke ging verloren in dem ungeheuren Sturm der arabisch-islamischen Eroberungen. Welche Expansionskraft der religiös-militärischen Bewegung Mohameds innewohnte, geht aus der Tatsache hervor, daß im gleichen Jahre 711 im Westen Spanien und an den Grenzen Chinas das Reich Sind der Herrschaft der Kalifen unterworfen wurden.
Es ist für unser Geschichtsbild und damit für unsere Zukunftsträume recht heilsam, drei Tatbestände im Gedächtnis zu behalten, die zu vergessen uns so leicht fällt.
Erstens gab es eine Zeit, in der Kleinasien christlich, Spanien, Portugal und Sizilien aber Hochsitze einer überlegenen mohamedanischen Kultur waren.
Zweitens ruhte diese mohamedanische Kultur auf griechischen, syrischen, persischen Überlieferungen, denen die Araber neben der Astronomie Mesopotamiens ihre eigene hervorragende Mathematik hinzufügten und somit das europäische Denken in seiner Gesamtheit überhaupt ermöglichten.
Drittens hat der Westen die kulturelle Vorherrschaft gegenüber dem Islam erst mit der Renaissance erreicht.
Die Kultur der mohamedanischen Welt war eine Mischkultur wie die des römischen Reiches. Sie verwandelte ältere Traditionen unter dem Prinzip eines bedingungslosen Glaubens an die Allmacht des einen Gottes zu höherer Reinheit, die im Detail die größte Toleranz erlaubte.
Die Bibliothek des Kalifen von Cordoba umfaßte 400000 Handschriften, unter denen sich zahlreiche Texte antiker Klassiker befanden, welche der direkten westlichen Überlieferung durch die Vernichtungswut nördlicher Barbaren längst verloren gegangen waren.
Im Laufe des Mittelalters wurde der Islam aus Spanien und Portugal verdrängt. Im Laufe der Neuzeit drang er durch die Türken auf dem Balkan wieder vor. Behalten hat er die südlichen und - wenigstens teilweise - die östlichen Küsten des Mittelmeeres, deren Länder wir heute - von Israel vielleicht abgesehen - als eine fremde, nicht europäische Welt betrachten.

Das Imperium Romanum hatte zwei Erbfolgen: die des christlichen Mittelalters mit dem seltsam lebenskräftigen Heiligen Römischen Reich deutscher Nation - und als andere Erbfolge die islamische Welt, ohne welche weder unsere Natur noch unsere Geisteswissenschaften die Höhe erreicht hätten, auf die wir heute so stolz sind.
Erst das Aufflammen nationaler Tendenzen auf der islamischen wie auf der abendländischen Seite hat bewirkt, daß das Bewußtsein von den ungeheueren Integrationskräften zwischen den beiden Kulturen verschwand. Wir sprechen heute von Europa und meinen damit - unter anderem - eine klare Abgrenzung gegenüber den Völkern des südlichen und des östlichen Mittelmeeres. Die Revision dieser Frage scheint mir der Anfang aller Überlegungen, die sich mit der Realisierung eines künftigen Europa tiefer als nur auf pragmatische Weise befassen.

Das künftige Europa - wo wird es sein Schicksal finden? In der angelsächsischen Welt, in der slawischen - oder am Mittelmeer?
Realpolitiker werden sicher nicht verlegen sein, uns vorzurechnen, wie gering der Stellenwert eines gemeinsamen kulturellen Schicksals anzusetzen ist gegenüber den tatsächlichen Gruppierungen der Macht in Europa und im mediterranen Raum.
Die russisch-arabische Allianz steht gegen die westlich-israelische. Die Nato verteidigt ein Staatenbündnis, dessen Südflanke eine tausendfältig gegliederte Küste, das heißt eine überhaupt nicht zu verteidigende Grenze ist.
Frankreich entwickelt eine Orientpolitik mit stark nationalistischer Tradition und dem Ziel, zwischen der arabischen Welt und Israel ein militärisches Patt zu erreichen. Die Bundesregierung jongliert hin und her zwischen der unsicher gewordenen Freundschaft arabischer Völker zu einem Deutschland, das es nicht mehr gibt, einem verständlichen Komplex gegenüber Israel, einer fragwürdigen Antipathie gegenüber Griechenland und Spanien, und schließlich einer mißtrauischen Ratlosigkeit gegenüber Italien.
Die katholische Kirche aber, so lange Jahrhunderte der geistige Brückenpfeiler der europäischen Kultur mittelmeerischer Prägung, kann heute nicht genug Selbstanklagen für die Tatsache finden, daß sie es war, die diese unsere Kultur geschaffen hat. Ein Chaos - so wird man zu Recht sagen. Aber nur ein politisches - oder ein geistiges? Und wo liegen seine Ursachen?

Die politische Entwicklung der Nachkriegszeit senkte den Gegensatz Ost-West als eine Art von Naturgesetz in unser aller Bewußtsein.
Die Kriterien dieses Gegensatzes sind - jenseits aller Verträge - immer noch der Einsatz konkreter Macht, wirtschaftliches Kalkül, und die Auseinandersetzung um die Lebensform des Massenstaates. In seinem Verlauf hat der Entwicklungsprozeß auf der Ost-West-Ebene Prinzipien gezeitigt, vor deren menschenferner Kälte selbst Machiavelli erschauert wäre.
Der Mensch als Individuum, der Mensch, der nicht vom Brot alleine lebt, wird im Osten als störend empfunden, während ihn der Westen durch Manipulation zu überlisten sucht. Sehen wir uns zum Vergleich das Kräftespiel an, das seit zwei Jahrtausenden in Europa zwischen dem Süden und dem Norden im Gange ist - so finden wir ein völlig anderes Bild.

Da sich heute in dieser ehrwürdigen Abtei Italiener und Deutsche begegnen, liegt nahe, den Dialog zwischen Süden und Norden am Beispiel der Völker Italiens und Deutschlands zu betrachten. Rom warf seine Legionen nach Norden und in ihrem Gefolge kamen Verwaltung, Zivilrecht, Gewerbe, Handel, Komfort, Bücher und Luxus.
Germanische Völker fielen in das Reich ein, zerstörten es und etablierten sich auf seinen Trümmern. Die Söhne des Heiligen Benedikt retteten das Erbe der Antike, sublimierten es durch die Lehre des Evangeliums, zogen vom Süden herauf und senkten den Keim der mittelalterlichen Kultur in den germanischen Boden.
Dieser antwortete durch das Aufblühen von Musik, Dichtung und Buchmalerei und sandte seine Herrscher nach Rom, die Würde der alten Kaiser zu empfangen. Der letzte der Ottonen, Otto III., hatte eine griechische Mutter und einen Papst zum Freund, Sylvester II., der im arabischen Cordoba Mathematik und Astronomie studiert hatte und seinen kaiserlichen Schüler zu der Utopie begeisterte, das alte römische Reich wiederherzustellen.
Sein Nachfolger Heinrich II. empfing aus Byzanz einen Krönungsmantel, auf dessen Saum die Worte stehen: 0 decus Europae, Henrice - Heinrich, du Zierde Europas.
Friedrich II., in Sizilien geboren, Schöpfer des modernen Verwaltungsrechtes, erlebte noch den Aufstieg der italienischen Städterepubliken und die Anfänge der modernen Geldwirtschaft.
Venedig warf sein Handelsnetz über das östliche Mittelmeer und versorgte den Norden mit den Gütern des Orients. Der Grieche Philaretes goß für die Peterskirche zwei Bronzetüren, auf denen die Apostel Petrus und Paulus vor dem Hintergrund orientalischer Teppiche stehen. Die umlaufende Inschrift ist die erste Sure des Korans. Es war nie Italien allein, es sind immer Italien und der Orient gewesen, die auf den Norden eingewirkt haben.
Auf der Höhe der Renaissance begab sich Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., nach Deutschland, beschrieb es getreulich und faßte eine Liebe zu ihm, die mit dem oft verkannten Gefühl Pius XII. für Deutschland vergleichbar ist.
Martin Luther sagte sich mit der Reformation los von Rom, das er für Babylon hielt. Italien antwortete mit der Gegenreformation, dem Jesuitentheater und dem Barock. Diese Abtei wäre nicht in solche Herrlichkeit gehüllt ohne ein Jahrtausend der intimsten Kommunikation zwischen Italien und Deutschland. Und heute?
Millionen deutscher Touristen bevölkern die Küsten Italiens - und leben dort, als ob es kein Italien gäbe. Hunderttausende von Italienern arbeiten in Deutschland und fühlen sich in einem Exil, das Geld bringt und sonst nichts. Wer die Geschichte beider Völker als einen gemeinsamen Prozeß sieht, der gleicherweise von Schmerzen und Größe, von Elend und Glanz durchzogen, aber immer fruchtbar gewesen ist - der wird die heutige Beziehung zwischen Italien und Deutschland mit großem Ernst betrachten müssen.

In den geistigen Kämpfen der Welt unserer Tage nimmt der Kampf um das Individuum den ersten Rang ein. Seine Verteidigung war das hervorragende Merkmal des Römischen Reiches und später das wichtigste Anliegen der katholischen Kirche.
Diese scheint heute im Begriff, das Individuum aufzugeben zugunsten einer romantischen Phantasievorstellung von urchristlicher Gemeinschaft, von der der Weg zum Sektierertum ebenso kurz ist wie zur geistigen Vermassung. Deutschland, vom industriellen Materialismus fast gänzlich durchsetzt, wendet seinen Blick politischen Partnern zu, deren Vorstellung von der Lebensform der Massen sich längst mit dem Begriff der Internationalität verschwistert hat.
Italien aber, ein Land, in dem am liebsten jeder Italiener sein eigener Staat wäre, um nur ja nichts von seiner Individualität preiszugeben, blickt nicht nach Norden, sondern auf ein Meer, das nicht mehr europäisch ist.

Ich wage zu behaupten: Europa mag als Wirtschaftsgemeinschaft, selbst als Staatenbund entstehen, ohne daß Deutschland und Italien einander näher rücken.
Ob dieses Europa eine sich integrierende Völkerfamilie sein wird, ist die Frage. Denn um die Völkerfamilie zu schaffen, müßte man an den goldenen Meilenstein zurückkehren - und das würde die Umwälzung des ganzen Konzepts bedeuten. Man müßte das Mittelmeer europäisch machen, das gemeinsam eingesetzte politische Gewicht der europäischen Wirtschaftsmächte müßte den Frieden im nahen Orient erzwingen, Israel könnte die Wüsten der arabischen Welt fruchtbar machen, die islamischen Länder würden zum großen Absatzmarkt für die Überproduktion der Industriestaaten, das Bildungs- und Erziehungswesen würde aus seiner materialistischen Erstarrung aufwachen und neue Wege suchen müssen - sich ein solches Europa vorzustellen, sind der Phantasie wenige Grenzen gesteckt.
Italien aber, immer noch die stärkste Bastion der Individualität, wäre das Kernstück des ganzen gewaltigen Gebietes. Um den Gedanken vollends zur Utopie zu machen, zum Schluß noch dies: das Christentum lebt in Europa mehr in seinen moralischen Prinzipien, denn als Glaube.
Die Religion des Judentums hat sich zurückgezogen auf kleine Inseln der Orthodoxie. Der Glaube an den einen Gott bedarf heute auch der dritten Religion, die ihm anhängt.
Ein Europa, in dem das Heilige verlacht wird, wäre keine Heimstatt für einen Menschen, der mehr vom Leben verlangt, als Komfort. Nur ein solcher Mensch aber rechtfertigt die Mühe, Europa neu zu schaffen. Eine Utopie, sagte ich.
Zugegeben - und ich nehme Spott und Kritik dafür gerne in Kauf. Nur sollte man nicht vergessen, daß auch ein europäisches Monument wie dieses Kloster in seiner unerhörten Schönheit gebaut worden ist - auf einer Utopie.