REINHARD   RAFFALT

- Wohin steuert der Vatikan? -
Papst zwischen Religion und Politik

Bild Titelseite
Wohin steuert der Vatikan? Papst zwischen Religion und Politik,
Piper & Co. Verlag München, 1973
ISBN 3-492-02025-9

Inhalt:

Mein Vorbehalt 7

I. "Una data fausta", ein glückverheißendes Datum 9

Der 75. Geburtstag Pauls VI. 9 * Altersproblem und Rücktritt 1o * Vatikanische Bestandsaufnahme 12 * Sendungsbewußtsein und Demut 18 * "Humanae Vitae" und Indien 20 * Papstwahl Pauls VI. 22 * Menschheitsvater und Weltfrieden 24 * Souveränität 26 * Lateinamerika 27 * Antifaschismus des Papstes 28 * Kindheit und Jugend 29 * Das Polenerlebnis 31 * Die Zeit in Mailand 32 * Pontifikatsantritt 34 * Das Konzil 36 * Kampf um das Papsttum 39 * Rom und Orthodoxie 41 * Jerusalem 42 * Athenagoras 43 * Papst und Technik 45 * Afrika 46 * Dritte Bischofssynode 49 * Rückschläge 52 * Schisma 57 * Paul VI. vor der UNO 60

II. Der Verfall der römischen Tradition 63

Liturgie 63 * Revolutionäre Priester 66 * Die "alte Kirche" 73 * Pietas 74 * Schlüsselgewalt 76 * Jus divinum 79 * Die Abschaffung des Latein 81 * Pontifex maximus 83 * Die Kirche Konstantins 85 * Triumphalismus 91 * Der Rückzug der Kirche aus der Kultur 93 * Die Kriegsgeneration im Klerus 101 * Sprache und Musik 103 * Hierarchie 106 * Die Kirche als Spiegelbild der UN0 60

III. Hamlet auf dem Heiligen Stuhl 115

Paul VI. und Pius lX. 115 * Die acht Zirkel des Vatikans 118 * Montinis Verhältnis zu Pius XII. und Johannes XXIII. 121 * Der Dialog mit der kommunistischen Welt 128 * Die Opferung der ukrainischen Kirche 133 * Der Weg vom zweiten zum dritten Rom 140 * Das Sendungsbewußtsein Moskaus 154 * Der Vatikan und China 159 * Taiwan 175 * Kirchenverfolgung in Albanien 178 * Polen und die Tschechoslowakei 179 * Utopie der Ostpolitik 182

IV. Rom und die Nachbarn des Christentums 184

Ein Tag in Fez 184 * Golda Meir im Vatikan 186 * Die Jerusalemfrage 190 * Die Päpste und der Zionismus 193 * Pius XI. im Kampf gegen den Antisemitismus 198 * Palästina 202 * Paul VI. zwischen Moses und Mohammed 206 * Die Kopten 214 * Die Parteinahme des Vatikans für die arabische Welt 219 * Parallelen zur russischen Politik 223

V. Hierarchie - dialektisch gesehen 227

Der Fall des Abtes Franzoni 227 * Die vier großen Orden 229 * Dekadenz des Ordenslebens 234 * Balduccis Angriff auf die Hierarchie 236 * Kardinal Mindszenty 238 * Erzbischof Benelli und sein Plan 242 * Das Glaubensproblem in Lateinamerika 248 * Hintergründe einer Bischofsweihe 255 * Anweisungen an die Bischöfe 257 * Pauls VI. Vorstellung von der künftigen Hierarchie 259 * Entmachtung der Kardinäle 262 * Tisserant 264 * Die Reform der Papstwahl 269 * Das russisch-vatikanische Dekret von Sagorsk 279 * Das Heilige Jahr 289 * Bekenntnis Pauls VL 294

Mein Widerspruch 296

Line

Mein Vorbehalt

»Ich bin nicht Tausende von Meilen gereist, um hier Tarantella zu tanzen«, sagte der afrikanische Bischof N'Daymen auf der römischen Synode im Herbst 1971.
»Traurig wäre das Los jener, die der Versuchung nachgäben zum Separatismus - und zum Schisma«, sagte Papst Paul VI. auf dem Eucharistischen Kongreß zu Udine im Herbst 1972.
Antirömisch und aggressiv das erste Wort, balancierend zwischen Drohung und Klage das zweite. Beide sind typisch für die römischen Tage, von denen ich berichte.

Zuvor einige Schwächen, die dieser Bericht haben wird. Ich glaube an Gott als den Herrn der Geschichte. Also zweifle ich an der Kraft menschlicher Intelligenz, die Gegenwart zu durchschauen. Kommenden Zeiten traue ich nicht ein Gran mehr an Vollkommenheit zu, als der Welt, in der wir leben. Ich kann mich nicht zu der Zukunftsgläubigkeit aufraffen, aus der die »Kirche der Kapläne" den Elan zieht, zu zerstören, was mir einst ein Vaterhaus gewesen ist. Ebensowenig kann ich mich zu der Intoleranz bekennen, mit der die sehr geschrumpfte "Kirche der Prälaten« von mir Kritiklosigkeit verlangt, als ob sie ein Glaubensakt wäre.

Ich bin überzeugt, daß der religiöse Mensch schöpferisch sein muß - und kann daher die katholische Kirche nicht ohne die Schönheit sehen, die sie selbst geschaffen hat. Die Kulturfeindlichkeit ihres progressistischen Lagers scheint mir eine wider die menschliche Natur gerichtete Anmaßung zu sein, die geistige Starre ihrer Traditionalisten ein Mißbrauch des geschichtlichen Erbes, das heute verwandelt werden müßte, anstatt zu verdorren. Den größten Widerwillen aber verursachen mir jene, die konservativ sind ohne Phantasie und sich progressiv gebärden aus Angst. Somit sitze ich zwischen allen Stühlen.

Belastend mögen noch die 21 Jahre meines Lebens in Rom hinzukommen. Ich bin außerstande, in dem katholischen Weltphänomen Rom die große Hure Babylon zu erkennen - ebensogut könnte man von mir verlangen, im Vatikan einen Vorgriff auf das himmlische Jerusalem zu erblicken. Daß der Vatikan von Menschen gemacht ist, bedingt seine Unvollkommenheit - und seinen Wert.
Nirgends spürt man mehr als dort, daß Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann. Wie krumm die Zeile ist, der mein Bericht folgt, mögen jene beurteilen, die die Kirche der Zukunft mit dem Lineal entwerfen.

Der Leser möge sich nicht daran stören, daß ich dem Text durchwegs die sprachliche Form der Vergangenheit gab, obgleich zur Zeit der Niederschrift viele der geschilderten Zustände die flüchtige Gegenwart noch erreichten. Da wir - Notkers gewaltiger Sequenz zufolge - mitten im Leben schon vom Tod umfangen sind, schien es mir angemessen, den notwendig unvollkommenen Inhalt des Buches dieser Wahrheit unterzuordnen.

Rom, am Fest des Apostels Petrus, 1973       R